Motivsprache ist ein unterbewusster Prozess.
Es ist für uns sehr schwer, die Quelle unserer Ideen zu erfassen; oft schneiden wir nicht mit, woher unsere Inspirationen tatsächlich stammen.
Vor einiger Zeit bin ich zwei meiner Motive auf die Schliche gekommen und glaube, ihren Ursprung zurückverfolgen zu können. Das gab mir einige interessante Aufschlüsse darüber, wie unser Unterbewusstsein heimlich an der Platzierung von Ideen arbeitet, und ich dachte, es könnte für angehende AutorInnen von Interesse sein.
In meinem Roman „Die Sprache der Blumen“ treffen wir eine Frau namens Lilian, welche ein weißes Kleid trägt und über die Äste eines gewaltigen Weltenbaumes wandert auf der Suche nach einem Ausweg aus der bizarren Welt, in der sie gefangen ist.
Ich hatte dieses Bild schon sehr früh in meinem Kopf, lange bevor ich wusste, worum es in dem Buch überhaupt gehen würde, und ich war immer verblüfft, woher dieses schöne Bild wohl kommen mochte. Immerhin sind Frauen in weißen Kleidern auf Bäumen kein ganz alltäglicher Anblick. Vor einigen Monaten habe ich dann auf YouTube nach vielen Jahren wieder einmal das Video zu einem meiner Lieblingssongs gesehen. Er heist „Shake It Out“ von Florence + The Machine. Ab etwa Minute 3:50 im Video sieht man die Sängerin Florence Welch in einem weißen Kleid auf dem Ast eines großen Baumes laufen und ich hätte beinahe meinen Kaffee fallen lassen. Ich hatte jede Erinnerung an diese Bilder vollständig vergessen. Mein Unterbewusstsein jedoch ganz offensichtlich nicht.
Meine zweite Lehrstunde zum Thema Motive im Unterbewusstsein kam kurze Zeit später, als ich die großartige Serie „The Long Earth“ von Terry Pratchett und Stephen Baxter zum zweiten Mal las. Die Reihe umfasst fünf wundervolle Bücher, wobei Stephen Baxter durch den plötzlichen Tod von Terry Pratchett gezwungen war, den letzten Teil allein zu schreiben. Er erschien 2016.
Ich erzähle dies, weil es in meinem Roman „Die Sprache der Blumen“ eine Szene gibt, in welcher die verletzte Lilian von dem Affen George auf dem Rücken getragen wird, während dieser den Weltenbaum hinaufklettert. Ich wusste bereits zu Beginn der Konzeption des Buches, dass es diese Szene geben würde, wusste aber nicht, warum oder wofür.
Als ich dann den fünften Band der Long-Earth-Reihe erneut las, kam ich zu meinem Entsetzen zu dem Kapitel, in dem der Protagonist von einem affenartigen Wesen auf dem Rücken einen gewaltigen Baum hinaufgetragen wird. Es ist nicht nur dasselbe Motiv, es ist praktisch genau dieselbe Szene! Natürlich ist es kein Schimpanse, sondern ein transdimensionales Primatenwesen, sowie ein Mann und keine Frau, und der erzählerische Hintergrund ist vollkommen anders, aber vom Grundaufbau her decken sich die Szenen nahezu vollständig. Auch hier hatte ich jede Erinnerung an den Ursprung des Motivs verloren.
Ich erinnere mich vage daran, dass ich den letzten Roman der Reihe bei seinem Erscheinen nur überflogen hatte, weil ich so traurig war, dass Terry Pratchetts unverwechselbare Stimme auf einmal fehlte. Sogar die Auflösung am Ende hatte ich wieder vergessen.
Mein hinterhältiges Unterbewusstsein jedoch hatte derweil fleißig Motive unter dem Bett verstaut und still und heimlich wieder hervorgeholt, kaum dass ich Jahre später begann, über gewaltige Bäume nachzudenken.
Aus diesem Grund predige ich AutorInnen immer wieder, dass es keine gute Idee ist, sich für seine Ideen feiern zu lassen. Menschen erzählen sich seit Hunderttausenden von Jahren die immer gleichen Geschichten mit den immer gleichen Motiven in immer neuen Kleidern.
Das Einzige, was wir als AutorInnen tun können, ist, zu versuchen, unseren Job so gut wie möglich zu machen und ansonsten demütig zu bleiben; denn wir wissen nicht, woher unser Unterbewusstsein die Ideen holt, welche es uns so stolz präsentiert.