Niemand von uns kann neue Motive erfinden. Menschen erzählen sich seit Anbeginn der Zeit ihre Geschichten und am Ende steht die Erkenntnis, dass es immer die gleichen Geschichten sind, denn es sind immer Menschen, die sie erzählen.
Wir alle, die wir erzählen, müssen uns also notwendigerweise von jemandem inspirieren lassen.
Deswegen sind alle AutorInnen auch zuallererst Leser. Was wir lesen oder hören, berührt und beeinflusst uns.
Wir alle greifen dabei alte Motive auf und verwandeln sie in etwas Neues. Wir kleiden sie in die Sprache unserer Zeit, geben ihnen eine neue Farbe und betonen dabei andere und nie dagewesene Aspekte.
Ich kann es nicht oft genug betonen: Es ist in jeder Genre-Arbeit unvermeidbar, Motive, Szenen und Ideen aufzugreifen, die vorher schon in einer verwandten Form existiert haben. Sonst würde uns schnell der Stoff ausgehen.
Schwierig wird es erst, wenn einzelne Motive oder auch ganze Settings einen gewisses Maß an kultureller Beachtung in ihrem Genre überschritten haben. Springt man nun ebenfalls auf diesen Trend auf, ist es unglaublich schwer, nicht den Eindruck zu erwecken, man wolle ein paar Stationen auf dem Trittbrett der Vorlage Richtung Erfolg mitfahren. Ganz besonders, wenn diese Motive und Settings hochaktuell oder seit Jahren hart im Zeitgeist der Kultur verankert sind. Dasselbe gilt für Motivvorlagen, welche sehr alt sein können, aber derart ikonisch geworden sind, dass wirklich alle LeserInnen diese Setups sofort mit ihrem Original verbinden.
Auf diese Weise sind zahlreiche Grundideen gewissermaßen „verbrannt“, so dass man sie einfach ein paar Jahrzehnte lang nicht mehr anfassen sollte.
In der Fantasy kann man sich den Großraum von Schmuck-der-das-Böse-repräsentiert einfach mal sparen. Von geheimen Zauberschulen würde ich ebenfalls bis 2050 die Finger lassen. Das heißt nicht, dass es vollständig unmöglich ist, aber es ist unnötig aufwendig und schwer zu verkaufen.
In der Science-Fiction kann man natürlich den Protagonisten auf einem Raumschiff mit einem übermächtigen Albtraum-Alien alleine lassen. Wenn es aber einen IQ von 200 hat, praktisch alles überleben kann und es den Protagonisten gnadenlos jagt, ist einfach witzlos, gegen einen ikonischen Film von Ridley Scott anzuschreiben. Dabei ist die Vorlage zwar sehr alt, aber der Schatten, den diese Motive werfen, ist nach wie vor im Genre omnipräsent. Das gilt ironischerweise auch für ikonische Motive, deren Original wenig bekannt ist.
Etwa der Protagonist, welcher der beste Gamer in einer Militärsimulation ist, den die Welt je gesehen hat und dann: „Oh mein Gott, es war kein Spiel, es war alles real!“ Ich spreche von „Ender’s Game“ („Das große Spiel“), einem Science-Fiction-Film (2013), basierend auf dem Roman „Das große Spiel“ von Orson Scott Card (1985).
Fun Fact: Manchmal erzeugt ein Genre ein ikonisches Motiv, das selbst dem Vorwurf des Plagiats ausgesetzt war. So geschehen bei der Jugendlichen, die sich für ihr Volk in einem erbarmungslosen Kampf von „Jeder gegen Jeden“ schlagen muss, bei dem es am Ende nur einen Sieger geben kann.
Suzanne Collins drehte 2008 mit „Die Tribute von Panem“ ein komplettes Genre auf links, 2012 verfilmt als „The Hunger Games“. Die Hardcore-Nerds sind jedoch nie müde geworden, von den Dächern zu schreien, dass das Setting schockierend ähnlich ist zu dem 1999 erschienenem dystopischen Thriller Battle Royale (バトル・ロワイアル / Batoru Rowaiaru), von Koushun Takami, bzw. der wesentlich bekannteren Verfilmung von Kinji Fukasaku mit dem legendären Takeshi Kitano in der Hauptrolle.
Diese Art der – nennen wie es mal höflich – „aggressiven Motivanlehnung“, geschieht viel häufiger als ihr vielleicht glaubt.
Frank Herbert dachte immer, Star Wars sei eine Abzocke von Dune. Echt jetzt.
„Ich werde mein Bestes geben, nicht zu klagen“, sagte Herbert nach dem Erscheinen des Films gegenüber Associated Press. „Ich habe keine Ahnung, zu welchem meiner Bücher es passt, aber ich vermute, dass es „Dune“ sein könnte, da ich eine Prinzessin Alia hatte und der Film eine Prinzessin Leia hat. Und ich habe gehört, dass es in der Wüste einen Sandwurmkadaver und maskierte Eingeborene gibt, genau wie in Dune.“
Ihr seht also: Das Thema ist bei genauerem Hinsehen durchaus häufig präsent. Aber wie unterscheiden wir denn nun zwischen einer Hommage und einem Plagiat?
Wichtig ist zu verstehen, dass der Unterschied zwischen Hommage und Plagiat oft sehr viel emotionaler ist als er technisch ist. Mit anderen Worten: Die Grauzone ist das Problem. So etwas legalistisch zu klären – das sehen wir in der Musikbranche – kann die Gerichte jahrelang beschäftigen.
Es gibt jedoch ein paar Charakteristika und Faustregeln, an denen man sich festhalten kann, wenn man auf der sicheren Seite bleiben will:
Eine literarische Hommage würdigt ein früheres Werk. Sie greift bewusst auf erkennbare Elemente zurück, schafft aber etwas Eigenständiges daraus. Das Vorbild wird also nicht versteckt, sondern oft gerade erkennbar gemacht. Die neue Geschichte bekommt dann eine eigene Aussage, Handlung oder Perspektive. Eine Hommage sagt gewissermaßen:
„Ich habe dieses Werk gelesen, schätze es und trete mit ihm in einen Dialog.“
Beispiel: In meinem Roman „Niemandes Schlaf“ benutzt die Protagonistin einen liebenswerten und intelligenten Rollstuhl, der nur durch Pfeif- und Piep-Geräusche kommuniziert. Die Referenz auf Star Wars ist offensichtlich, das Motiv ist aber gänzlich anders verwendet. Hinzu kommt, dass ich die Parallele offensichtlich mache, indem ich hart hineinsteuere. An einer Stelle erklärt die Protagonistin ihrem Rollstuhl, dass sie ihn nach Tatooine schaffen und an Jawas verkaufen wird, wenn er ihr nicht gehorcht.
Ein Plagiat hingegen liegt vor, wenn wesentliche kreative Leistungen von anderen AutorInnen übernommen werden und die Übernahme als eigene Leistung erscheint. Dabei werden ganze Handlungsabläufe nahezu identisch übernommen. Die Charaktere werden nur oberflächlich umbenannt. Prägnante Formulierungen oder Dialoge werden kopiert. Die Quelle wird sogar aktiv verschleiert oder gar nicht erwähnt.
Ein Plagiat sagt:
„Das stammt von mir“, obwohl die wesentliche kreative Arbeit jemand anderes geleistet hat.
Man kann es auf diese Weise zusammenfassen:
- Eine Hommage übernimmt eine Idee und erzeugt daraus etwas Neues.
- Ein Plagiat übernimmt die konkrete Ausgestaltung dieser Idee.
Eine praktische Faustregel könnte lauten:
Wenn man alle erkennbaren Bezüge zum Vorbild entfernen würde – bliebe dann noch eine eigenständige Geschichte übrig?
Ja → wahrscheinlich eine Hommage, Inspiration oder Einfluss.
Nein → möglicherweise ein Plagiat oder zumindest eine unzulässig starke Übernahme.