Die Verpflichtungen, die AutorInnen gegenüber den LeserInnen eingehen, wenn sie ihre Geschichten konzipieren, sind wie Versprechen, die sie eingehen und einlösen müssen.
Diese wirken in der eigenen Struktur wie Leitplanken, an denen sich die Geschichte entlangbewegt.
Manchmal sind diese so strikt, dass man sich mit nur wenigen Motiven gleich zu Beginn auf das gesamte Buch festlegt, manchmal ohne etwas davon zu merken.
Ich möchte das an einem Beispiel demonstrieren.
Der Film „Passengers“, mit Chris Pratt und Jennifer Lawrence in den Hauptrollen, war 2016 in den Kinos. Ich habe ihn nie gesehen, aber er hat ein sehr praktisches Setup, das ihn ideal macht, um uns als Beispiel zu dienen. Hier ist es:
- Ein Mann erwacht zu früh allein auf einem Generationen-Raumschiff.
- Er realisiert, dass er dort gefangen und verurteilt ist allein zu sterben, ohne das Ziel der Reise jemals zu erreichen.
- Aus Einsamkeit und Verzweiflung weckt er eine Frau.
Auf Basis dieser drei Sätze können wir den kompletten fiktiven Roman schreiben. Das ist uns möglich, weil das Setup alleine den Autor schon auf einen Verlauf und ein Ende festlegt.
Das wird schnell deutlich, wenn wir uns Genres und Setting ansehen:
Obergenre: Science-Fiction
Subgenre: Liebesgeschichte
Sub-Subgenre: Entwicklungsroman
Setting: Generationenschiff
Der dritte Satz des Setups macht deutlich, dass es eine Liebesgeschichte sein muss. Denn wie wird der Mann die Frau auswählen? Entweder er geht durch die Passagieraufzeichnungen, oder er geht old-school an den Cryo-/Schlafkammern der Passagiere vorbei und schaut hinein.
Es ist eine Liebesgeschichte, das wissen wir durch das Setup, also gelten die Regeln einer Liebesgeschichte. Es muss also den Moment geben, in dem die Blicke der beiden sich über die Menge hinweg treffen. Gut, sie schläft, wir müssen also improvisieren, aber die Dynamik ist die gleiche.
In die Schlafkammer hineinsehen ist aber fast genauso gut, denn es ist das klassische Schneewittchen-Setup. Der Prinz schaut in das schlafende Gesicht der Frau und verliebt sich sofort.
Die Tatsache, dass die Frau keine Wahl hat und gegen ihren Willen geweckt wird, macht aus dem Stoff automatisch auch einen Entwicklungsroman. Denn der Protagonist beginnt mit einem schweren ethischen Fehlverhalten und das bedarf in seiner Auflösung: Konflikt, Scheitern und Läuterung. Am Ende ist er dann eine andere Person als er zu Beginn war, daher ein Entwicklungsroman.
Das Setting eines Generationenschiffs wiederum ist brillant, denn Generationenschiffe wirken immer leer, einsam und kalt.
Man denke an Cryoschlaf in einer funktionalen Umgebung, etwa einer unpersönlichen, automatisierten Klinik.
Das macht sie als Hintergrund für zwei Menschen, die einen leeren Raum (wortwörtlich) mit Liebe füllen müssen, ideal.
Die beiden sind also allein auf dem Schiff und werden sich fast zwangsläufig verlieben. Was sollen sie auch sonst tun?
Es ist eine Liebesgeschichte, also wissen wir, dass es ein Happy End geben muss, denn sonst werden die Leser sauer.
Bis zum schönen Ende brauchen wir jedoch einen Konflikt, sonst haben wir keinen Grund, den Leser im Buch festzuhalten.
Der Konflikt muss außerdem ein existenzieller sein, weil die Investitionskosten so hoch sind. Ihr beider Leben hängt an dem Plot in der Leere. Wortwörtlich. Also kann es nicht sein: „Du hast wieder den Cryosarg offen stehen lassen, ich habe dir schon tausendmal gesagt du sollst ihn schließen.“
Es muss ein Konflikt sein, der alles in Frage stellt.
Das ist wichtig, denn die Entwicklung einer Liebesgeschichte folgt ähnlichen Wegen wie die „Reise des Helden“. Bevor das Happy End erreicht werden kann, muss das Paar durch eine „Dunkelheit“ gehen. Eine Krise, die durch Missverständnis, Betrug, Verrat, o.ä. bestimmt wird.
Praktisch, dass ein dunkles Geheimnis über der Beziehung schwebt, denn der Protagonist wird der Frau garantiert nicht auf die Nase binden, dass er ihr aus selbstsüchtigen Motiven heraus die Zukunft in einer neuen Welt ruiniert hat.
Also findet sie natürlich heraus, dass er sie absichtlich geweckt hat. Er hat also von Anfang an die Beziehung manipuliert. Kommt nicht gut an. Harte Eskalation. Beziehung beendet.
Was muss jetzt geschehen?
Der Graben muss überwunden werden, und zwar durch die Liebe, die sie bereits zueinander empfinden. Aber wie?
Wann finden Paare über tiefe Gräben wieder zueinander?
Wenn was passiert?
Es muss eine Bedrohung entstehen. Am besten eine externe.
Irgendetwas muss richtig schiefgehen, so schief, das Leben bedroht sind. Wessen Leben? Das Leben des Protagonisten.
Sie muss aktiv entscheiden, ihn zu retten, denn die Lösung des Grundkonflikts kann nicht mehr durch den Protagonisten erfolgen.
Danach finden sie wieder zusammen. Haben wir jetzt die wahre Liebe bis zum Ende? Nein, denn wir haben immer noch das eigentliche Problem.
Er konnte sich aktiv für sie entschieden. Sie sich aber nie für ihn. Alle Entscheidungen bis jetzt, kann sie auch aus purer Notwendigkeit getroffen haben. Wenn wir den Roman jetzt beenden, dann hätte er sie auch irgendwo entführen können. Hat er streng genommen sogar. Es wird immer eine Beziehung mit ungleichen Machtverhältnissen sein.
Sie muss also die Wahl bekommen: Die Wahl zwischen ihm und der Zukunft, die ihr initial versprochen wurde. Sie muss die Möglichkeit bekommen, wieder in ihre Schlafkammer zu klettern, und aufzuwachen, wenn er gestorben ist.
Und was muss sie tun? Sie muss es aktiv ablehnen. Sie muss sich für ihn entscheiden.
Dann erst können wir den Roman beenden.