Die meisten AutorInnen beginnen – kaum, dass sie eine Aussage, ein Thema und eine Handlung beisammen haben – eine große Menge an Bildern, Motiven und Szenen zu sammeln. Man glaubt am Anfang immer, man hätte nicht genug Stoff, um die Geschichte zu füllen. Dieses Gefühl ist bei unerfahrenen AutorInnen omnipräsent, egal ob sie eine Kurzgeschichte schreiben, oder einen Roman.
Tatsächlich habe ich im Strukturlektorat noch nie den Satz gesagt: „Du hast nicht genug Motive.“ Ich habe aber unzählige Male gesagt: „Von diesen zwanzig Motiven / Personen / Handlungsorten schmeißen wir jetzt mal fünfzehn ersatzlos raus.“
Der Grund dafür ist, dass AutorInnen nur langsam ein Gefühl dafür entwickeln, wie viele Verpflichtungen sie gegenüber dem Leser mit jeder zusätzlichen Idee eingehen.
Verpflichtungen, die nicht nur vom Genre abhängen, sondern auch an dem Subgenre, dem Setting und vielen gängigen Motiven innerhalb des Genres.
Die LeserInnen können ihre Erwartungen oft nicht in Worte fassen, weil sie die Konditionierungen, die durch den Konsum zahlloser Bücher in ihren Köpfen entstanden sind, nicht immer mitschneiden. Aber strukturelle Regelverstöße erzeugen bei den LeserInnen ein Gefühl von Unwohlsein, welches man respektieren muss, wenn man nicht riskieren will, dass sie das Buch frustriert weglegen.
Alle LeserInnen möchten am liebsten von Anfang an – so schnell wie möglich – orientiert werden, was sie erwartet. Im Falle der Kurzgeschichte brauchen sie erst einmal interessante Motive und Ereignisse, da die AutorInnen natürlich noch nicht bereit sind, den LeserInnen tatsächliche Antworten zur Aussage zu geben.
Das bedeutet aber auch, dass die verwendeten Motive nicht vom Himmel fallen dürfen, sondern sie müssen geplant und bewusst eingesetzt werden. Denn Motive, die eingeführt aber nicht sofort für eine Aussage verwendet werden, erzeugen im Leser augenblicklich ein Gefühl von Foreshadowing.
Man sollte sich also bewusst machen, dass jedes Motiv eine bewusste oder unbewusste Erwartungshaltung bei den LeserInnen erzeugt, die man respektieren sollte; daraus ergeben sich mehr oder weniger laut ausgesprochene Faustregeln.
Beispiele:
- Eine Leiche zu Beginn triggert eine Kriminalgeschichte. Der Leser erwartet jemanden, der kommt und das aufklärt.
- Wenn sich die Blicke zweier ProtagonistInnen am Anfang einer Geschichte über einen vollen Raum hinweg kreuzen, erwartet der Leser, dass sie am Ende kämpfen oder küssen, je nach Qualität des Blicks.
- Wird eine Person mit Namen und Funktion eingeführt, erwartet der Leser, dass die Person relevant für die Handlung ist. Namen und Funktionen also mit Vorsicht einsetzen. Führt man den niedlichen Hund Wuffi der Protagonistin ein, muss er auch für die Handlung relevant werden; sonst bekommt man Mails, in denen Leser fragen, was denn nun mit dem Hund ist. Er war doch so niedlich.
- Vorsicht bei Entwicklungsmotiven. Wird am Anfang explizit auf eine geschlossene Blüte hingewiesen, sollte diese am Ende der Geschichte auch blühen.
Es gibt sogar ein bekanntes dramaturgisches Prinzip, welches auf diesen letzten Punkt abzielt: „Chekhov’s gun“. Es ist nach dem russischen Autor Anton Chekhov benannt, der Mitte bis Ende des 19. Jahrhunderts lebte und als einer der größten Meister der Kurzgeschichte gilt.
Sein Prinzip formulierte er so:
Entferne alles, was keine Relevanz für die Geschichte hat. Wenn du im ersten Kapitel beschreibst, dass ein Gewehr an der Wand hängt, dann muss dieses Gewehr im zweiten oder dritten Kapitel abgefeuert werden, andernfalls hat es kein Recht dort zu hängen.
Für AutorInnen von Kurzgeschichten ist dieses Prinzip überaus wichtig, da die Kurzgeschichte davon lebt, dass jede Form unnötiger Exposition – wo irgendwie möglich – vermieden wird.
Der Vollständigkeit halber sollte ich vielleicht anmerken, dass nicht alle Autoren das Prinzip von Chekhov’s gun unterschreiben. Hemingway war zum Beispiel ein Kritiker dieses Prinzips, weil er die Ansicht vertrat, dass es sein Recht als Autor sei, belanglose Details in seine Geschichten einzubauen, die nichts zum Plot beitragen. Etwa Personen, die durch die Handlung laufen und wieder verschwinden, ohne dass sie irgendeinen Beitrag geleistet haben. Meine Anmerkung dazu wäre natürlich: Das war Hemingway! Der konnte machen, was er wollte.