Bei der Definition der Science-Fiction haben wir die wichtigsten Charakteristika des Genres kennengelernt. Eines davon war, dass wir in der Science-Fiction unsere Wünsche, Vorstellungen und Ängste in die Zukunft projizieren. Wir benutzen eine (nach Möglichkeit) visionäre Idee und deklinieren sie in ihren Konsequenzen bis zum Ende durch. Dabei gelangen wir zu einem potenziell wundervollen oder verheerenden Ende, je nach Neigung der AutorInnen.
Diese Projektionen in die Zukunft enthalten in ihrem Setting oft prägnante Demonstrationen des Zeitenwandels in Form technischer Entwicklungen. Diese Motive können für sich allein genommen schon zu Leitmotiven ganzer Generationen werden, indem sie ikonische Bilder produzieren, die uns ein Leben lang begleiten. Der Kommunikator der alten Star Trek-Enterprise (Vorlage der Klapphandys). Das schwebende Skateboard aus „Zurück in die Zukunft“ (Vorlage für gar nichts, denn wir warten immer noch). Die fliegenden Taxis aus „Blade Runner“.
Diese Motive allein sind jedoch nicht alles, was die Geschichten ausmacht. Sie sind die Symptome der Vision und Teil des Settings, sie sind jedoch nicht Teil der eigentlichen Aussage.
Kernaussagen entstehen nur zwischen handelnden Personen. Es sind Emotionen, die entstehen, wenn Charaktere sich entwickeln, dabei an Grenzen stoßen und an ihnen wachsen oder scheitern.
Da es völlig unmöglich ist, eine Handlung zwischen Menschen zu erzählen, die keine Ethik enthält, haben alle Geschichten – gewollt oder ungewollt – auch eine normative Dimension.
AutorInnen unterschätzen diesen Aspekt ihres Erzählens gerne. Besonders am Anfang, wenn sie noch glauben, dass Erzählen darin bestünde, hübsche Motive aneinanderzureihen.
Schauen wir unter diesem Aspekt einmal auf die beiden Geschichten, die ihr für den zweiten Tag lesen solltet.
Die Kurzgeschichte „Utopie 27“ von Aiki Mira hat 2021 als Überraschungssieger sowohl den Deutschen Science-Fiction-Preis (DSFP) als auch den Kurd-Laßwitz-Preis gewonnen.
Die Kurzgeschichte „Davy ‘n’ Jean“ von Gabi Behrend hat – mindestens genauso überraschend – letztes Jahr (2025) den Kurd-Laßwitz-Preis gewonnen.
Ich habe dieses Paar ausgewählt, weil sie von zwei zeitgenössischen deutschen AutorInnen vorgelegt wurden, und weil sie auf wundervolle Weise symptomatisch für die Herausforderungen der Gegenwartsliteratur stehen.
Gabriele Behrends Geschichte trägt uns hinein in menschliches Leiden.
Es ist verzaubernd, wie schwerelos ihre Sprache sein kann, dabei fast lyrisch klingt und dennoch mit wenigen Worten präzise auf den Punkt kommt, ohne auch nur ein einziges Mal aufgesetzt zu wirken. Ihr Ton ist warm, hoch-empathisch, ja fast liebevoll, ohne dabei zu schwer auf der Handlung zu lasten oder ins Kitschige abzudriften. Die ganze Geschichte weht, wie auf Flügeln am Leser vorbei und selbst in den dunkelsten Momenten bleibt ihr Ton nirgendwo stecken. Keine Ahnung, wie sie das macht. Selbst inmitten tiefster Tragik schafft es Gabriele Behrend, einen leichten, fast schwebenden Ton anzuschlagen. Dabei bekommt das ganze Geschehen fast etwas Traumhaftes.
Bei Gabi sehen wir auch schön, wie Science-Fiction lediglich ein Setting sein kann, wenn der Inhalt das Genre transzendiert. Das menschliche Leiden, das sie beschreibt, ist in allen Zeiten gleich. Man könnte den Astronauten gegen einen Soldaten im Kriegseinsatz für das alte Rom tauschen. Es hätte genauso funktioniert.
Die tragenden Emotionen der Geschichte sind zeitlos.
Bei Gabi kontrastiert sich Menschlichkeit mit dem Fortschritt. Die Botschaft ist, dass egal, wie weit wir reisen können, und wie gut die Technik wird, unsere Themen werden immer gleich bleiben, eben weil wir Menschen sind.
Technologische Entwicklung macht uns nicht zu mehr als wir sind. Menschen, die leben, lieben und leiden und die – egal, was passiert – weitermachen müssen.
Gabi holt die LeserInnen dicht zu sich heran und teilt Emotionen mit ihnen, um diese Einsicht spürbar zu machen.
Bei Starautorx Mira begegnen wir einem vollständig anderen Szenario. Von Gabis Geschichte ist sie so weit entfernt, wie Tag und Nacht. Während bei Gabi das menschliche Erleben vor dem Setting der Science-Fiction läuft, verhält es sich bei Aiki Mira genau umgekehrt. Technologische Entwicklung hat den Menschen vollständig durchdrungen. Auf allen Ebenen des Alltags und bis tief hinein in das innerste Erleben des Menschen. Sie ist kein Setting, sondern pulsgebendes Medium, in dem der Mensch in seiner Gebrochenheit zum Subjekt wird, auf das die Entwicklung einwirkt.
Während bei Gabi das Menschsein unberührt über der Entwicklung schwebt, verändert die gleiche Entwicklung den Menschen bei Aiki Mira bis zu dem Punkt, wo er kaum noch als solcher zu erkennen ist.
Hier wird nicht nur ein vollkommen gegensätzliches Verständnis von Menschsein entworfen, es ist auch ein vollständig anderes Verhältnis zur technologischen Entwicklung.
Bei Gabi steht das Menschliche so weit über der Technologie, dass es im Kern davon nicht berührt werden kann.
Bei Aiki Mira macht uns die technologische Entwicklung zu mehr, als wir sind. Was wir sind, ist nicht final; es ist in Bewegung und in Entwicklung. Wir kamen von einem Punkt, wo wir weniger waren. Was wir hatten, reichte uns nicht, wir gingen weiter und wir haben die Zügel dieser Entwicklung selbst in der Hand.
Das ist Transhumanismus in Reinform.
Diese Grundannahme hat massiven Einfluss auf die Ethik, auch wenn das auf den ersten Blick nicht offensichtlich sein mag.
Denn was machen wir auf dem Weg in unsere durch Technologie veränderte Zukunft mit unseren gewohnten moralischen Strukturen, Gewohnheiten und Kulturerzeugnissen? Nun, wir verändern auch sie. Wir haben keine statische, über der Technologie stehende Grundnatur. Wenn wir die Natur des Menschen als Kulturerzeugnis definieren, geben wir den Menschen die Hoheit über die inhärente Ethik und verändern diese nach Bedarf.
Auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen – aber ich glaube, der Punkt verdient Wiederholung: Die beiden Geschichten könnten in ihrer Grundaussage nicht unterschiedlicher sein.
Achtet beim Lesen bitte besonders auf die emotionale Signatur dieser Grundstrukturen. Jedes der vermittelten Weltbilder kommt mit einer distinkten Färbung. Die LeserInnen bekommen dies als Gefühl vermittelt, das sie aus der Geschichte heraus mitnehmen.
Nehmt diese Überlegungen mit und erinnert euch daran, wenn ihr eure eigene Geschichte konzipiert.
Denkt daran, dass ihr niemals eine Geschichte schreiben könnt, in der ihr den LeserInnen nicht auch eure moralischen Grundvorstellungen mitgebt. Selbst wenn ihr versucht, diese zu verbergen. Auch ein Nicht-Stellung-Beziehen ist eine moralische Ansage. Das Vermeiden einer Konfrontation hat normativen Charakter. Auch das Verweigern eines Glaubens ist ein Glaube.
Zielführender ist es immer, darüber zu reflektieren, was man für richtig und falsch, für Gut und Böse, für schön und hässlich hält und dann dazu zu stehen. Verbergen kann man es sowieso nicht.