Motive schweben nicht im Vakuum, sie sind Kinder ihrer Zeit.
Berühmte und beliebte Motive wurden im Kontext ihrer eigenen Generation etabliert und können von da an langsam einen Platz im kulturellen Sprachgebrauch finden.
Jeder hat z.B. sofort eine Vorstellung, wenn ich „Frankenstein“ sage. Nicht jeder hat jedoch automatisch das Werk von Mary Shelley gelesen, oder weiß, dass sie es war, die aus Wissenschaftsfaszination, Ethik und Angst den ersten transhumanistischen Science-Fiction-Roman geschaffen hat.
Das führt dazu, dass wir in der Science-Fiction auf den breiten Schultern vergangener AutorInnen stehen können, die die Grundlagen für uns gelegt haben. Daraus entsteht eine ganze Batterie gut etablierter Motive, die jedem Genre innewohnt.
Das hat für die AutorInnen entscheidende Vorteile.
Deshalb müssen wir in unseren Geschichten bestimmte Begriffe nicht mehr erklären. Alle LeserInnen der Science-Fiction wissen z.B., was ein Generationenschiff ist, weil das Motiv so oft verwendet wurde. Arthur C. Clarke musste in seinen ersten Romanen noch detailliert erklären, was ein geostationärer Satellit ist, weil niemandem das Konzept von Raumfahrt oder dem Orbit eines Planeten geläufig war. Heute ist das ganz anders. Mein Sohn wiederum hatte im Alter von zehn Jahren – als wir gemeinsam Fortnite gespielt haben – bereits keinerlei Probleme damit zu begreifen, was ein transdimensionales Portal ist.
Im Falle technischer Entwicklung ist das von großem Vorteil, denn es erlaubt den AutorInnen, mit ihren Motiven gewissermaßen Huckepack auf anderen Werken zu reisen.
Das gilt auch auf die emotionale Signatur von Motiven.
In meinem Roman „Niemandes Schlaf“ besitzt die Protagonistin einen intelligenten Rollstuhl, der ausschließlich durch Piep- und Pfeiftöne kommuniziert. Diese Hommage an einen legendären Star Wars-Charakter hat den großen Vorteil, dass die LeserInnen dem Rollstuhl automatisch die liebenswerte Persönlichkeit der Vorlage unterstellen.
Auf diese Weise kann man durch gezielte Verwendung etablierter Motive, Botschaften anderer AutorInnen in das eigene Werk übernehmen.
Wir können uns also vor Augen führen, dass Motive gewissermaßen die Tendenz haben, ein Eigenleben zu führen. Sie kopieren sich selbst in das kulturelle Gedächtnis und verändern und entwickeln sich dort mit der Zeit.
Das meiste davon geschieht im Verborgenen, und LeserInnen bekommen aktiv nicht viel davon mit.
Aber: LeserInnen erkennen unbewusst bestimmte Motivverwendungen und ordnen ihnen emotionalen Subtext zu.
Emotionaler Subtext hat immer eine ethische Dimension.
Das kann einem auch auf die Füße fallen, wenn man nicht mitbekommt, welcher Bedeutungshorizont einem Motiv tatsächlich innewohnt.
Dazu lohnt es sich zu verstehen, aus welcher Zeit ein Motiv stammt, warum es entstand und wie sich seine Zeit in diesem Motiv spiegelt. Nehmen wir nochmal Frankenstein und somit das viktorianische Zeitalter.
Wir sprechen von einer Zeit, in der wohlgeformte, elegant geschwungene Möbelbeine mit Stoff verkleidet wurden, weil ihr Anblick ansonsten unzüchtige Gedanken provozieren könnte.
Dieser extrem repressive Ansatz gegenüber jeder Körperlichkeit war auf allen Ebenen der Gesellschaft zu sehen, respektive nicht zu sehen. Frauen trugen bei jeder Wetterlage mindestens vier Schichten Kleidung und es war vollkommen undenkbar, dass sie ihr Korsett nicht anlegten. Heißt das, dass sich diese Gesellschaft andere Geschichten erzählt hat als wir heute?
Absolut nicht. Es hat nur dazu geführt, dass die Motivsprache angepasst wurde und viele der verwendeten Motiven verklausuliert wurden oder in den Subtext gewandert sind.
(Wir hatten das bereits bei Hemingway und den tabuisierten Themen der frühen Moderne, in der seine Geschichte spielt.)
Beispiel: Eine junge Frau in einem viktorianischen Roman geht zu ihrem extrem aufgeregten Pferd und streichelt es langsam, bis es sich entspannt.
Sie spricht nicht von Pferden. Das muss man wissen!
Ähnlich funktioniert das bei Frankensteins Monster. Hier arbeitet eine ganze Lawine sexuellen Subtexts. Genau das gleiche findet sich im Vampirmotiv. Wenn ihr Motive benutzt, dann müsst ihr unbedingt wissen, was sie bedeuten, und wie sie in der Motivsprache ihres Genres verwendet werden.
Diese Motivsprachen finden wir quer durch alle kulturellen und politischen Epochen.
Protagonisten, die in den Sechzigern bis Achtzigern in Bunkern Schutz suchten, taten das auf der Flucht vor einer nuklearen Wüste des Atomkrieges. Es herrschte der Kalte Krieg. Die Bösen waren immer die Russen.
Die gleichen Protagonisten suchen heute immer noch denselben Schutz, diesmal jedoch vor den Folgen des Klimawandels. Die Bösen sind nicht mehr die Russen, aber die gesichtslose, kapitalistische Elite.
Jetzt könnte man sagen: Das waren eben die Motive von damals, das ist ja heute nicht mehr so.
Leider könnte das kaum weiter von der Realität entfernt sein. Jede Generation entwirft ihre eigene Motivsprache und das muss auch so sein.
Die unausgesprochene, implizite Qualität der Motive ist ein essenzieller Teil des Worldbuilding. Das Worldbuilding setzt sich aus den Bausteinen eurer Motive zusammen. Die Motive, die ihr verwendet, erzählen weit mehr über euch und eure Zeit, als euch bewusst sein dürfte. Sie sind Fundamente, die in die Geschichte gegossen werden, und subtile Ansagen, die immer mitschwingen.
Das muss uns klar sein, wenn wir schreiben.
Wenn wir Motive benutzen, dann haben sie eine inhärente Bedeutungsweite, die – wenn auch nur im Subtext – immer mitschwingt. Wir können nicht einfach so tun, als wäre sie nicht da. Das macht auch Sinn, denn es heißt Worldbuilding, weil wir eine ganze Welt erschaffen.
Das bedeutet, dass wir nicht nur Orks, Elben, Hobbits und Zwerge rekrutieren. Nein, wir bauen die vollständige Welt.
Mit der Ethik, den Abgründen, den Schönheiten und dem Hässlichen. Schon durch den bloßen Akt des Kreierens einer Welt bringen wir uns in die Position, entscheiden zu müssen, was wir als richtig und falsch, als Wachheit und Lüge, als schön und hässlich definieren.
Wie war nochmal die Definition, die wir gelernt haben? Science-Fiction projiziert Wünsche, Träume und Vorstellungen in die Zukunft.
Dahinter steht die Frage: Was wollen wir denn da in der Zukunft sehen? Unser Menschenbild spiegelt sich in den Motiven unserer Geschichten. Unsere Geschichten haben deswegen auch immer einen moralischen Charakter. Eine Ethik, die von unseren Motiven kommuniziert wird. Es gibt kein Erzählen, ohne dass unsere Geschichten eine normative Dimension besitzen. Diese haben sie immer, wenn wir einen Wunsch oder Traum formulieren, denn mit jedem Wunsch oder Traum erteilen wir auch etwas eine Absage, das wir nicht sehen wollen.
Es lohnt sich wirklich, diesen Punkt zu reflektieren.
Denkt daran: AutorInnen können nur über sich selbst schreiben.
Das ist immer so, selbst wenn ihr nicht versucht die große inspirierende Stimme der Generation Z zu werden.
Im viktorianischen Zeitalter hat sich viel Verdrängtes über den Subtext in das Unterbewusstsein verschoben.
Von dort kehrten die Themen natürlich wieder zurück und wie so oft, wenn wir Dinge nicht sehen wollen, erscheinen sie als Monster.
Für zeitgenössische Generationen gilt nichts anderes.
Werft einen Blick auf die großen, inspirierenden Stimmen der Millennials wie Sally Rooney.
Ich gebe Euch das normative Worldbuilding kostenlos:
Eine „fucked-up“ Gesellschaft bringt „fucked-up“ Menschen hervor und die tun „fucked-up“ Dinge.
Dieses Worldbuilding strahlt wie ein Leuchtturm aus dem Text hervor und scheint aus allen Motiven. Ich überlasse es euch zu beurteilen, ob es eine lebenswerte Welt ist.
Wir projizieren unsere innerste Welt in die Zukunft. Das Licht, das aus unseren Motiven scheint, spiegelt unsere tiefsten Wünsche und Bedürfnisse. Es zeigt, wie die Welt von uns gesehen wird und wie sie aussehen sollte. Dieses Licht wird immer auch Schatten werfen. Macht euch beim Verwenden eurer Motive immer bewusst, dass dies immer auch ein Akt der Offenbarung über euch selbst ist.