Phantastische Schreibwerkstatt

The first draft of anything is shit.” (Ernest Hemingway)

17 – Dialoge, Verschlüsselung, Subtext

Zum großen Frust aller AutorInnen, mit denen ich arbeite, benutze ich Hemingways brillantes Werk „Hills Like White Elephants“ bereits seit einem Jahrzehnt, um zu verdeutlichen, wie Kurzgeschichten funktionieren.

Asimovs „The Last Question” ist ein perfektes Beispiel dafür, wie man überraschende Wendungen am Schluss einsetzt, die lange und sorgfältig in der Struktur angelegt wurden.

Hemingway wiederum ist das perfekte Beispiel dafür, wie man nicht nur die Aussage, sondern auch gleich noch den kompletten Inhalt der Geschichte derart verschlüsselt, dass selbst der Protagonist kaum noch weiß, worum es eigentlich geht.

Ich könnte einen kompletten Seminartag nur mit dieser Geschichte verbringen, einfach weil sie so reich und vielschichtig ist. Ich werde das wahrscheinlich auch, wenn mich niemand stoppt, aber an dieser Stelle versuche ich mich auf einige wesentliche Punkte zu beschränken, welche die Highlights hervorheben:

Beachtet, wie Hemingway uns das Thema der Geschichte bereits im Titel gibt. Vor hundert Jahren war die Phrase „Weißer Elefant“ teil des Sprachgebrauchs. Ein weißer Elefant ist ein Geschenk, um das ich nicht gebeten habe, welches ich nicht gebrauchen kann und das ich am liebsten sofort wieder loswerden will. Die Hügel repräsentieren den kleinen Babybauch der Protagonistin und bilden eine extrem mächtige Metapher. Egal wo die beiden hinsehen, sie sind am Horizont auf allen Seiten von dem Thema umgeben, dem sie nicht mehr ausweichen können.

Macht Euch beim Lesen bewusst, wie Hemingway die gesamte Geschichte ausschließlich auf Dialogen aufbaut, in denen die Protagonisten kein einziges Mal das Thema erwähnen. Dennoch reden sie die ganze Zeit über nichts anderes. Sie schaffen es selbst bei einem scheinbar beiläufigen Geplänkel über Getränke weiter über das omnipräsente Thema zu streiten.

Hemingway verlegt jede Aussage, die er in der Geschichte transportieren will, in den Subtext und in sorgsam gewählte Metaphern. Bedenkt, dass wir hier über ein Thema reden, welches 1927 gesellschaftlich tabuisiert war. Der Eingriff, um den es geht, war in den meisten westlichen Ländern illegal. Hemingway selbst hat jedoch als Journalist in Kriegsgebieten gearbeitet und war, was seine Persönlichkeit angeht, völlig schmerzfrei – metaphorisch gesprochen. Er redet also dennoch über das Thema und findet sehr deutliche Aussagen, ohne deutliche Worte zu verwenden.

Der Autor benutzt nicht nur keinerlei Exposition, er versucht sogar sein Möglichstes, unser Faktenwissen so klein wie nur irgendwie möglich zu halten. Wir wissen absolut nichts über die Protagonisten. Nicht einmal Namen, Alter oder Lebensumstände. Geschweige denn, Hintergrund oder Ziele.

Aber wenn ihr den Text sorgfältig lest, bedenkt, in welcher Zeit er spielt, und was wir aus den Gesprächen lernen, dann werdet ihr sehen, dass wir dennoch erstaunlich viel über die beiden Personen lernen. Wir können uns am Ende der Geschichte ein sehr genaues Bild von der Lage, den Umstände und den Wünsche der beiden Handelnden machen, ohne dass der Autor irgendetwas davon explizit ausformuliert hat.

Diese Kurzgeschichte ist ein Meisterwerk im Erzählen ohne Erzählen. Das ist keine persönliche Vorliebe von mir, es ist tatsächlich sehr wichtig zu lernen und zu verinnerlichen.

Manchmal möchte AutorIn einen Inhalt transportieren, der nicht im Offensichtlichen liegt. Gerade wenn es um emotionale Inhalte geht – etwa Ängste, Traumata, Verletztheit, etc. – wäre ein explizites Erzählen manchmal kontraproduktiv. In diesem Fall ist es eine optimale Strategie, das Erzählen in Bilder und Subtext zu verlegen.

Diese Strategie empfiehlt sich auch und besonders dann, wenn man plant kontroverse Aussagen zu platzieren oder eine gängige Ideologie anzugreifen.

Meine Erfahrung ist, dass man im expliziten Erzählen an der Oberfläche relativ einfach gecancelt werden kann. Allerdings gibt es auch folgende Dynamik, die mir selbst erst nach einigen Büchern aufgefallen ist: Die gleichen Menschen, die mit der Heugabel in der Hand nur darauf warten, einen Shitstorm anzurühren, folgen einem niemals in den Subtext. Das hat mich verblüfft. Ideologischer Extremismus scheint blind für Subtext und Metaphern zu machen. Das geht so weit, dass ich für explizite Motive gelobt werde, die ich gleichzeitig im Subtext kritisiere, ohne dass es irgendwo registriert. Das ist nützlich zu wissen.

Eine Geschichte, die hauptsächlich im Subtext erzählt wird, wird übrigens auch dort gelöst.

LeserInnen, die beim ersten Lesen kaum dem Inhalt folgen können, sind deswegen oft konsterniert, wenn die Geschichte scheinbar – ohne Vorwarnung – einfach aufhört. Gerne auch mitten im Dialog.

Auch hier ist Hemingways Geschichte ein perfektes Beispiel dafür, wie der Autor geradlinig auf seine Aussage zusteuert und dann, sobald er sie erreicht hat, den Stift fallen lässt und weggeht.

Das Abrupte dient hier schon fast als überraschende Wendung, auf die beim literarischen Schreiben oft verzichtet wird. Das macht auch Sinn, denn wenn wesentliche Teile von Thema und Aussage tief unter der Handlung im Subtext schwimmen, sind die LeserInnen gezwungen, mit dem Text zu arbeiten. Es bedarf erneuten Lesens, Reflexion, Kontemplation und vielleicht sogar Recherche. In einem solchen Kontext kann man das Motiv einer überraschenden Wendung nicht gut verwenden. 

Das Ende wird jedoch verständlich, wenn wir einen Blick auf das Thema werfen. Ein oberflächlicher Blick würde suggerieren, dass das Thema hier die Frage nach dem Eingriff, der Operation, sein muss, denn darum dreht sich die ganze Diskussion.

Das kann aber nicht sein, denn das Ende hat offensichtlich in erster Linie nichts mit diesem Eingriff zu tun.

Also müssen wir näher an den Text heran.

Bei genauer Analyse der Dialoge wird deutlich, dass es nur in zweiter Linie um die Frage geht, ob ein Eingriff stattfinden wird oder nicht.

Worum es tatsächlich geht, ist, dass das Paar nicht mehr glücklich ist, und um die Frage, wer dafür die Verantwortung trägt.

Der Mann versucht, durch das ganze Gespräch hindurch, mehr oder weniger subtil, der Frau Schuld und Verantwortung zu geben. Er versucht ihr zu suggerieren, dass sie das Problem ist, sie die Schuld trägt und sie diejenige ist, mit der etwas nicht in Ordnung ist. Diese grausame Täter-Opfer-Umkehr war zu der Zeit, zu der die Geschichte spielt, gesellschaftlich hochgradig normalisiert. Nicht er hat sie geschwängert, sondern sie hat es zugelassen, schwanger zu werden.

Das heißt, bevor sich die junge Frau der grausamen Entscheidung, zu der der Mann sie zwingen will, stellen kann, muss sie sich erst einmal die Frage beantworten: Wer ist hier eigentlich das Problem?

Wenn man sich das vor Augen führt, erkennt man auch, dass wir am Ende der Geschichte immer noch nicht wirklich wissen, ob es schon eine Entscheidung gegeben hat. Was wir aber wissen, ist, dass sie die Frage geklärt hat, wer hier das Problem ist. Das sagt sie am Schluss ganz deutlich:

“There’s nothing wrong with me. I feel fine.”