Für die Arbeit an einer eigenen Kurzgeschichte ist es absolut unerlässlich, dass AutorIn den Unterschied zwischen dem Inhalt, dem Setting, dem Thema und der Kernaussage der Geschichte versteht.
Es klingt abstrakt, ist aber von fundamentaler Bedeutung, denn erst wenn AutorIn versteht, was die Kernaussage und Thema der eigenen Geschichte sein soll, ist es möglich ein geeignetes Setting zu wählen. Setting und Thema steuern dann den Inhalt.
Unerfahrene AutorInnen versuchen es gerne rückwärts. Sie beginnen mit dem Inhalt der Geschichte, verfehlen dann beim Schreiben das Setting und wundern sich, dass die Aussage nirgendwo zu finden ist.
Ich werde hier die Demonstration der Begriffe nicht an einer Kurzgeschichte vornehmen, sondern ein episches Fantasy-Werk, dem „Herr der Ringe“, einfach weil die Wahrscheinlichkeit am höchsten ist, dass möglichst viele Teilnehmer die Story kennen. Außerdem soll es zeigen, dass die Prinzipien immer gleich sind, egal, ob man eine Kurzgeschichte schreibt, oder einen Roman, oder eine epische Fantasy-Trilogie.
Beginnen wir mit dem Inhalt. Der Inhalt antwortet auf die Frage:
Was passiert in der Geschichte?
Hier kommt die Inhaltsangabe von Wikipedia hin. Im Telegrammstil: Ein unbedeutender Hobbit muss einen Ring in einem Vulkan werfen, um die Welt vor dem Bösen zu retten.
So weit, so gut.
Das Setting wiederum antwortet auf die Frage:
Welche Grundstruktur verwendet die Geschichte?
Hier stecken wir den äußeren Rahmen ab, in dem sich die Geschichte bewegt. Es sind die Leitplanken der Erzählstruktur. Die Schienen, auf denen die Geschichte von der ersten Seite bis zum Ende fährt.
Im Falle des „Herr der Ringe“:
Es handelt sich um die absolut prototypische High-Fantasy-Saga, in der die prototypische „Reise des Helden“ umgesetzt wird.
Ich verwende die Worte Leitplanke und Schiene nicht zufällig. Denn mit einem Setting kommen teils strikte Regeln, derer die AutorInnen sich bewusst sein müssen, weil die LeserInnen sie unbewusst erwarten und fordern.
Deswegen ist es wichtig, das Setting, in dem ich schreibe, zu verstehen.
Gerade die Regeln der High Fantasy und der Reise des Helden sind in der Literaturwissenschaft sauber und detailliert ausgearbeitet.
Wichtig: Wenn ich beschließe, dass mir diese Regeln egal sind oder ich sie ablehne, z.B. weil ich die Reise des Helden für ein patriarchalisches Konstrukt halte, das indikativ für die gesellschaftlich inhärente Unterdrückung von Frauen ist, dann entbindet mich das nicht davon, die Strukturen zu studieren und zu verstehen. Ein gezieltes und kontrolliertes Überschreiten von Regeln liest sich nämlich ganz anders als deren Ignorieren aus Desinteresse.
Das bringt uns zum Thema:
Das Thema einer Geschichte ist nicht immer offensichtlich. Manchmal ist es verschlüsselt oder es schwebt im Subtext. Manchmal versteckt es sich aktiv hinter der Haupthandlung und muss erst vorsichtig befreit werden.
Im Fall von „Der Herr der Ringe“:
An diesem Punkt wissen wir schon, was das Thema nicht sein kann: Ein unbedeutender, schwacher Protagonist kann das Böse besiegen, wenn er Vertrauen und Willensstärke beweist, und die richtigen Freunde hat.
Wir wissen das, weil dieses Outcome bereits in die Struktur der „Reise des Helden“ eingebaut ist. Wenn wir also den unbedeutenden Protagonisten zu Beginn des Werks treffen, wissen wir bereits, dass er den Antagonisten besiegen wird. Sonst wäre es keine Reise des Helden.
Wir müssen also tiefer graben. Was uns auffällt, ist, dass wir es hier mit dem denkbar unwahrscheinlichsten Helden zu tun haben. Dem kleinsten, schwächsten und bedeutungslosesten, der an der absoluten Grenze zum Lächerlichen aufgestellt ist. Er sammelt um sich herum eine Schar seltsamer, unpassender, ja teils verfeindeter Gefährten, die einer gigantischen Übermacht gegenüberstehen. Angeführt werden sie von einer geheimnisvollen, enigmatischen Gestalt, unbekannten Ursprungs, die über unvorhersehbare Kräfte verfügt und es vorzieht, demütig im Verborgenen zu arbeiten, ohne Interesse an materiellen Dingen oder gar an Ruhm. Eine Gestalt, die von den Göttern selbst gesandt wurde, das Böse zu besiegen und dafür sogar von den Toten wieder aufersteht.
Die biblischen Parallelen sind geradezu erschlagend und keineswegs Zufall. Tolkien war sein Leben lang tiefgläubiger Katholik und diese Motive sind gewollt und tragen auch das Thema der Geschichte.
Die klassische Reise des Helden wird hier also thematisch erweitert um die Aspekte wie die Schwachheit des Einzelnen und der Kraft, die aus den gegensätzlichen Talenten und Motivationen einer Gruppe entsteht, die bereit ist, Opfer zu bringen für etwas, was größer ist als sie selbst.
Wichtig: Manchmal kann man die wahre Dimension einer Geschichte nur ermessen, wenn man über den Text hinaus weiteres Wissen sammelt, in diesem Fall zum Autor und seiner ethischen Motivationslage.
Damit sind wir aber noch immer nicht am Ende.
Die wahre Dimension der Kernaussage ergibt sich nämlich nur, wenn man auch das Worldbuilding mit einbezieht, welches Tolkien parallel zur Handlung entwickelt. Das wird geradezu überdeutlich, wenn man die Begegnungen der Gemeinschaft mit Orten und Gestalten der Welt von Mittelerde auf ihren Reisen verfolgt.
Alle diese Begegnungen haben ein großes, wiederkehrendes Thema: Abschied und Trauer. Gleich die erste Gruppe von Elben, die en Hobbits nachts begegnet, ist auf dem Weg, die Welt für immer zu verlassen. Im alten Wald treffen die Hobbits auf das älteste und wahrscheinlich mächtigste Wesen des Universums, welches sich zur Ruhe gesetzt hat und mit den Geschehnissen der Welt nichts mehr zu tun haben möchte.
Es wird sogar explizit deutlich gemacht, dass man diesem Wesen den Ring nicht anvertrauen darf, weil es ihn aus Desinteresse verlieren würde. So seltsam diese Begegnung auch ist, so wichtig bleibt sie für die zentrale Botschaft des Werks, denn sie ist ein gezieltes Foreshadowing eines Aspektes der Kernaussage: Der Kampf von Gut gegen Böse im Rahmen des Ringkrieges ist aus kosmischer Sicht Kinderkram und ein kleineres Geplänkel.
Derweil zieht sich das Motiv des Abschieds durch die ganze Reise der Gefährten. Einst gewaltige Reiche, die nun trostlos und verlassen sind und von Monstern bewohnt werden. Uralte Wesen, die von längst vergangenen Zeiten erzählen und von dem, was sie verloren haben. Einst mächtige Könige, die nun alt und schwach sind. Weise und mächtige Zauberer, die nun korrumpiert und böse sind. Ja, selbst den ultimativen Antagonisten auf seinem dunklen Thron, erkennen die Leser, die Tolkiens Werk außerhalb des Ringkrieges lesen, selbst nur als den unbedeutenden Diener eines längst vergessenen, wahrhaft mächtigen Herrschers.
Tolkien beschreibt eine Welt im Wandel, im Umbruch zwischen zwei Zeitaltern. Das Alte endet, die einst herrschenden Rassen gehen und machen der neuen Rasse der Menschen Platz.
In diesem Umbruch geht der Kampf von Gut gegen Böse weiter, wenn auch, aus kosmischer Sicht, in einem eher bedeutungslosen Geplänkel. Dennoch muss jedes Zeitalter, jede Generation ihre eigenen Helden hervorbringen, denn der Kampf wird niemals enden.
Die Kernaussage könnte kaum christlicher sein. Sie spiegelt sauber die fundamentalen Dogmen der Kirche, der Tolkien angehörte.
Die Qualitäten, die von uns gefordert werden, wenn wir gegen das Böse bestehen wollen, sind immer die gleichen, egal welche Zeit, welche Rasse, oder welche Helden. Und das Gute wird uns immer Hilfe senden, denn was wir brauchen, ist nicht die ultimative Waffe, sondern das Vertrauen, denn das Gute verlangt von uns niemals mehr als wir tragen können, gibt uns aber auch immer nur die Kraft für den nächsten Schritt. Dabei können wir uns immer am Guten, der Wahrheit und der Schönheit orientieren, denn beides ist objektiv, nicht subjektiv.
Wie jeder gute Autor hat auch Tolkien diese Botschaften niemals explizit formuliert, sondern sie durch seine Figuren vorleben lassen. Wir wissen jedoch sehr sicher, was seine Motivation war, denn es sind Gespräche zwischen ihm und C.S. Lewis überliefert (die beiden trafen sich gerne in derselben Kneipe), in denen Tolkien Lewis vorwirft, seine christlichen Motive in der Narnia-Reihe ein bisschen zu offensichtlich verpackt zu haben.
Erkenntnis:
Wer nur das Werk liest, dem fehlen mitunter wichtige Informationen, um den größeren Kontext zu verstehen. Oft ergeben sich die wahren Bedeutungsdimensionen und die eigentlichen Kernaussagen erst, wenn man weitere Werke oder die Biografie des Autors hinzuzieht.
Erkenntnis:
Wer die Filme gesehen hat, aber die Bücher nicht kennt, hat keine Chance, die Kernaussage zu finden, weil Hollywood dazu tendiert tiefere Bedeutungsebenen zugunsten von Actionsequenzen ersatzlos zu streichen.