Phantastische Schreibwerkstatt

The first draft of anything is shit.” (Ernest Hemingway)

15 – Kernaussage zu Inhalt

Wir haben gelernt, dass zu jeder Geschichte eine Kernaussage gehört.

Faustregel: Die Kernaussage ist ein einzelner Satz, der mit Edding in Blockbuchstaben an der Wand über dem Schreibtisch geschrieben steht. Jeder Satz, der danach in die Tastatur geht, treibt diese Aussage voran.

Im Idealfall kann ich mich mittels meiner Aussage, die als Erkenntnis am Schluss stehen wird, gewissermaßen rückwärts bis zum Beginn meiner Handlung arbeiten. Auf dem Weg dorthin muss ich die Aussage so weit transformieren, dass eine Handlung dabei herauskommt.

Es hilft vielleicht, sich vor Augen zu führen, dass die Schritte, die ich dazu gehen muss, logisch aufeinander folgen. Wir beginnen mit der Kernaussage. Daraus folgt das Thema. Das Thema diktiert das Setting. Zum Schluss ergibt sich aus dem Setting die Handlung.

Zur Verdeutlichung erinnern wir uns an Asimov:

Meine Kernaussage weist mich auf das Thema hin.

Kernaussage: Wenn die Menschheit ihre technische Entwicklung lange genug vorantreibt, wird sie am Ende gottgleich sein.

(Nebenbei eine schöne Definition des Transhumanismus.)

Also ist das Thema: Wie sieht die Entwicklung der Menschheit auf dem Weg zur Gottheit aus?

Mein Thema weist mich auf das Setting hin: Die Menschheit fragt sich im Laufe ihrer endlosen Entwicklung, ob ihre Technik zu bestimmten Zeitpunkten schon ausreicht, um Gott zu werden.

Aus dem Setting ergibt sich die Handlung von ganz alleine:

In einer bestimmten Zahl von Zeitsprüngen werden schlaglichtartig Entwicklungsabschnitte der Menschheit in die Zukunft begleitet. Dabei wird die Gottfrage immer wieder gestellt und immer wieder verneint. Dann erst folgt die überraschende Wendung.


Das Ganze noch mal zum Mitmeißeln, diesmal an einem ganz anderen Werk, um zu verdeutlichen, dass die Dynamiken immer die Gleichen sind.

Nehmen wir als Beispiel ein Meisterwerk von Shakespeare, nämlich Romeo und Julia:

Was ist meine Kernaussage?

Liebe ist eine gefährliche, aggressive Kraft, die ihre Opfer vollständig entmachtet.

Aus der Kernaussage folgt das Thema:

Wie spiegelt sich die aggressive Kraft der Liebe in einer Beziehung, welche die Beteiligten in den Untergang treiben wird?

Aus dem Thema ergibt sich das Setting:

Man kann nur schwer demonstrieren, wie entmachtend und zerstörerisch die Liebe wütet, wenn die Protagonisten ein Ziegenhirte und eine Küchenmagd sind. Das interessiert niemanden. Die Aussage wiegt schwer und kommt mit enormer Wucht, also sollten die Einsätze dem auch angemessen sein. Die Protagonisten sind also nicht irgendwelche Teenager, sondern die Nachkommen der mächtigsten Familien der Stadt. Und um noch einen draufzusetzten, sind die Familien verfeindet. Das erhöht den Einsatz auf das Maximum, weil die Zukunft einer ganzen Stadt gleich mit an das Schicksal der Protagonisten gehängt wird. Darüber hinaus stärkt es die Aussage, wenn der Autor den Regler für emotionale Spannung bis zum Anschlag dreht.

Jetzt ergibt sich die Handlung von allein:

Zwei junge Menschen verfallen einander hoffnungslos. Im Strudel der entfesselten Liebe werden Freundschaften zerstört, Familienbande gesprengt und Leben ruiniert. Am Ende sind alle tot.

Wäre es nicht schön, wenn alle Geschichten so strukturiert und planbar entstehen würden? Das wird natürlich niemals passieren. Die vier Schritte werden in der Planungsphase immer wieder wild durcheinandergehen. Es ist zu erwarten, dass die AutorInnen zum Start eines neuen Projekts mit diesen Schritten einen wilden Stepptanz aufführen werden. Es hilft jedoch, sich den Prozess immer mal wieder vor Augen zu führen, wenn man auf einmal feststeckt und nicht weiß, wie man weitermachen soll. Man darf auch gerne immer wieder aus den Augen verlieren, was nochmal zwischen Aussage und Handlung passiert. Beginnt man jedoch tatsächlich zu schreiben, sollte eine Kernaussage immer vor AutorIn an der Wand stehen. Sie funktioniert wie ein Kompass, der in die richtige Richtung weist.