Bei der Besprechung der Kurzgeschichte „The Last Question“ von Isaac Asimov ist deutlich geworden, dass der Autor eine Kernaussage benutzt, die er dem Leser auf überraschende Weise am Ende der Geschichte präsentiert.
Diese Wendung am Schluss hat einen emotionalen Impact, der umso größer ist, weil der Leser sie nicht hat kommen sehen.
Wir wissen außerdem, dass der Autor diese Wendung am Schluss sorgsam in der Struktur angelegt hat. Er hat die gesamte Geschichte um diese Wendung herum gebaut. Ich möchte den Prozess, nach dem hier gearbeitet wurde, noch einmal visuell darstellen, um die einzelnen Schritte deutlich herauszuarbeiten. Wir können diese Schritte benutzen, um jede weitere Geschichte, der wir begegnen, strukturell zu analysieren und natürlich auch unsere eigenen zu planen.
Wir wissen, dass der Autor mit der überraschenden Wendung begonnen haben muss. Sie repräsentiert die Kernaussage, die er dem Leser vermitteln wollte. In der folgenden Grafik habe ich diese Wendung und Aussage als blühenden Baum illustriert:

Natürlich beginnen wir die Geschichte nicht mit diesem Bild. Wir wollen ja am Anfang beginnen und wählen ein Startmotiv, in dem das Ende angelegt, aber nicht erkennbar ist. In der nächsten Grafik wird dies durch einen kleinen Setzling dargestellt:

Anfangsmotiv und Endmotiv stehen sich gegenüber. Doch dem Setzling ist nicht anzusehen, was einmal aus ihm werden wird.
Das wollen wir auch nicht, denn jeder Hinweis auf den blühenden Baum würde den emotionalen Impact der Wendung am Schluss abschwächen.
Unsere Aufgabe ist es jetzt, am Pfeil entlang – gewissermaßen rückwärts in der Zeit – den Weg zum Beginn zu suchen.

Wir brauchen also einen Plot, der den Setzling mit dem Baum verbindet, wie ein Seil, das zwischen den beiden Motiven gespannt wird.

Es ist kein Zufall, dass es ein Seil ist, und es ist auch kein Zufall, dass das Seil ansteigt.
Das gespannte Seil hängt nicht durch, es macht keine Schlaufen, hat keine Knoten und stoppt nicht auf halber Strecke an einem anderen Baum. Handlungsstränge in Kurzgeschichten sind geradlinig und ohne Abzweigungen. Außerdem steigt das Seil an. Das bedeutet, die Handlung eskaliert Schritt für Schritt Richtung Schluss, aber nur nach oben.
In der Geschichte von Asimov ist es die technische Entwicklung, die schrittweise immer fortgeschrittener wird, ohne die Frage aus den Augen zu verlieren. In der Geschichte von Hemingway ist es die emotionale Eskalation, die immer höher und drängender wird, bis der Konflikt in eine Lösung enden muss. Diese Eskalation wird nicht unterbrochen, und das Thema wird nicht gewechselt. In der Geschichte von Asimov fangen die Diskussionspartner nicht auf einmal an über ihre Beziehung zu streiten und in der Geschichte von Hemingway wird keine Pause gemacht, um schnell Mittag zu essen.
Das ist wichtig, um das Erzähltempo gleichmäßig zu halten und den Leser nicht zu verlieren.
Würden wir es dabei belassen und die Struktur für beendet erklären, hätten wir es mit einer Erzählung zu tun, denn der blühende Baum ist ja die ganze Zeit klar sichtbar (metaphorisch gesprochen). Das wichtigste Element der Kurzgeschichte ist aber, dass wir die LeserInnen zwar entlang des gespannten Seils mitnehmen, dabei aber die ganze Zeit sicherstellen, dass sie keine Sicht auf den Baum am Ende haben. Sie sollen nicht wissen, wohin es geht. Wir stellen ihnen also bewusst eine Mauer in den Weg.

In der Geschichte von Asimov erreicht der Autor dies, indem er die eigentliche Frage verschlüsselt. Aus „Können Menschen einen eigenen Gott schaffen?“ wird „Können wir die Entropie umkehren?“ In der Geschichte von Hemingway wird dies erreicht, indem die gesamte Thematik komplett im Subtext verschwindet und der Autor dem Leser absolut nichts preisgibt.
Wenn wir an diesem Punkt sind – und wirklich erst an diesem Punkt – können wir beginnen, Motive und Bilder, Dialoge und Szenen in den Plot einzubauen. Das sind die Laternen, die an dem Seil hängen und dem Leser den Weg leuchten.

Achtung: Jede dieser Laternen muss ihre Existenz rechtfertigen. Jedes einzelne Element, dass wir in den Plot hineinhängen, trägt ein Stück des blühenden Baumes am Schluss in sich. Die Laterne leuchtet also in einer Farbe, die sich am Ende im Baum wiederfindet.

Alle Motive, die nicht direkt zum Baum am Ende beitragen, werden nicht ans Seil gehängt.
So funktioniert die grundlegendste Strukturarbeit in Kurzgeschichten.