Frage: Warum wird eine Kurzgeschichte „kurz“ genannt? Spoiler: Es ist nicht die Anzahl der Seiten.
Eine Kurzgeschichte kann vierzig Seiten haben und dennoch unbestreitbar Teil ihres Genres bleiben. Eine Erzählung kann zwanzig Seiten haben und ist dennoch keine Kurzgeschichte.
Der entscheidende Punkt muss also sein, auf welche Art der Inhalt dem Leser präsentiert wird. Um das zu verstehen, schauen wir uns die Kurzgeschichte „The Last Question“ aus dem Jahr 1956 von Isaac Asimov an, dem Großmeister aus der goldenen Ära der Science-Fiction.
Nach dem ersten Lesen wird umgehend klar, was das Besondere an dieser Geschichte ist, warum sie zu den berühmtesten Geschichten Asimovs gehört. Es ist die Art, wie der Autor die Leser am Ende mit einer unerwarteten Wendung überrascht. Einer Wendung, welche die LeserInnen – bis zuletzt – nicht haben kommen sehen.
Wir können fest davon ausgehen, dass Asimov selbst von dem Ende absolut nicht überrascht war, im Gegenteil. Es war exakt dieses Ende, welches der Autor den LeserInnen präsentieren wollte. Mit anderen Worten: Der Autor hat geplant, die LeserInnen mit einer überraschenden Erkenntnis oder einer Einsicht am Ende allein zu lassen.
Einer Botschaft, welche den LeserInnen möglichst lange im Kopf und im Herzen stecken bleiben sollte. Um diese Botschaft möglichst intensiv und nachdrücklich zu platzieren, hat der Autor sie bis zum absoluten Ende der Geschichte vor den LeserInnen verborgen. Die Offenbarung zum geplanten Moment am Schluss wirkt auf die LeserInnen dann wie ein Zaubertrick des Magiers auf der Bühne. Es erhöht den Impact und verknüpft die Botschaft des Autors mit intensiven Emotionen, welche die Anteilnahme der LeserInnen zusätzlich erhöhen.
Faustregel: Je stärker die Aussage der Kurzgeschichte über eine überraschende Wendung mit starken Emotionen verknüpft wird, desto tiefer wird der Inhalt in das Langzeitgedächtnis der LeserInnen geschrieben.
Im vorliegenden Fall wäre die Kernaussage: „Wenn wir die technologische Evolution der Menschheit nur lange genug in die Zukunft projizieren, wird das Ergebnis irgendwann gottgleich werden.“
Ich denke, es ist offensichtlich, dass ein Autor ein derart kraftvolles Ende nur erreicht, wenn er das Ergebnis von langer Hand plant.
Wir können also schon mal festhalten:
Kurzgeschichten versuchen eine Botschaft, eine Kernaussage, an die LeserInnen zu vermitteln. Diese Kernaussage ergibt sich nicht zufällig, sondern wird vom Autor von langer Hand in die Struktur der Geschichte eingebaut.
An dieser Stelle ergibt sich fast schon natürlich die Frage, wie lange der Autor eine solche Kernaussage eigentlich in der Handlung vorbereiten muss, bis er sie – über einem möglichst hohen emotionalen Impact – am Ende den LeserInnen als Wendung enthüllt?
Das Thema, welches Asimov behandelt, ist hoch abstrakt und sehr komplex. Er ist also darauf angewiesen, seinen LeserInnen das nötige Wissen auf dem Weg zum Ende mitzugeben, ohne ihnen dabei das Gefühl zu vermitteln, dass es langweilig ist, oder sie zu dumm seien, zu verstehen, worum es geht.
Das auf zehn Seiten zu stemmen, erscheint hochgradig unrealistisch.
Auf der anderen Seite ist die Wendung der Geschichte am Schluss zwar absolut großartig, aber hätte sie auch dann noch funktioniert, wenn der Autor uns vorher durch dreihundert Seiten Drama und Nebenhandlungen gescheucht hätte? Wahrscheinlich nicht.
Wir ahnen an dieser Stelle schon: Aus der Kernaussage eine Wendung zu stricken, welche die LeserInnen am Ende überrascht, setzt Planung und Struktur voraus. Danach muss der Autor sich überlegen, wie viel Platz er eigentlich brauchen wird, um seine Wendung möglichst eindringlich werden zu lassen, ohne dabei etwas Wichtiges für das Verständnis zu vergessen, oder die LeserInnen durch unnötige Exkurse zu langweilen.
Wer sich die Abschnitte in Asimovs Geschichte ansieht, wird schnell zu dem Schluss kommen, dass hier keine Zeile verschwendet wird. Jeder einzelne Dialog zielt genau auf das Ende ab und wird in der Handlung benötigt. Auf der anderen Seite wird man auch nicht viel finden, was man noch hätte kürzen können.
An dieser Stelle können wir endlich versuchen, eine Antwort auf die Frage zu finden, warum wir die Kurzgeschichte „kurz“ genannt wird.
Die Kurzgeschichte heißt „kurz“, weil der Autor den kürzest möglichen Weg nimmt, um von seinem Einstieg zur Kernaussage zu kommen.
Deswegen fehlen der Kurzgeschichte einige Elemente, die wir zum Beispiel in Erzählungen finden. Es fehlt etwa jede Form der Exposition. Den Lesern wird nichts erklärt. Im Gegenteil: Den Lesern wird gerade so viel Information gegeben, dass sie gerade eben noch verstehen, worum es geht. Alles, was schmückt, Farbe verleiht oder entspannt ablenkt – wird radikal gestrichen.
Es geht sogar noch weiter:
Um seinen Punkt am Ende besonders nachdrücklich zu machen, verschlüsselt der Autor seine Kernaussage vor den LeserInnen und führt sie bewusst auf falsche Fährten.
Hätte Asimov von Anfang an die zentrale Frage offen formuliert – ob Menschen mit genug technischer Entwicklung eigentlich Gott werden können – die Geschichte hätte nicht mehr funktioniert.
Deswegen stellt er die genau gleiche Frage, aber auf eine Weise, die den Lesern verheimlicht, worauf er eigentlich hinauswill: Kann die Entropie umgekehrt werden?
Mit dieser Frage in der Hand steuert Asimov zielstrebig auf das Ende zu. Die Kurzgeschichte fällt von Anfang an geradlinig auf ihre Aussage zu, ohne dabei Umwege zu gehen oder Pausen zu machen. Deswegen steigen Kurzgeschichten oft mitten im Dialog ein. Es fehlt jede Einleitung. Deswegen hört die Kurzgeschichte auch schlagartig auf, wenn der Autor seinen Punkt gemacht hat. Manchmal kommt das so unvermittelt, dass Leser sich fragen, was eigentlich gerade passiert ist.
All diese Kürzungen und Einschränkungen sind vom Autor gewollt und mit Bedacht eingesetzt. Es gibt in Kurzgeschichten keine Zufälle und keine unnötigen Motive. Die Reibung, die entsteht, wenn der Autor den LeserInnen bewusst Informationen vorenthält und sie mit Wissensentzug frustriert, ist etwas, was LeserInnen aushalten müssen.
Der Autor kompensiert für diesen Frust, indem er den Inhalt seiner Geschichte interessant genug gestaltet, damit die LeserInnen bereit sind ihm zu folgen, auch wenn sie nicht wirklich nachvollziehen können, wohin die Reise eigentlich geht.
Exposition kann so etwas nicht leisten.
Das, was deswegen in Kurzgeschichten vorrangig benutzt wird, um das Erzähltempo hochzuhalten und die tatsächlichen Inhalte zu verschleiern, sind Dialoge.
Faustregel: Kurzgeschichten sind dialoggetrieben.
Wie weit das gehen kann, sehen wir, wenn wir uns mit Ernest Hemingways Kurzgeschichte „Hills Like White Elephants“ beschäftigen. Dort sehen wir, was passiert, wenn der Autor die Verschlüsselung von Motiven und Dialoginhalte im Subtext ins Extrem treibt.