Wer eine erste Idee gefunden hat, beginnt automatisch damit, Motive zu sammeln. Themen sind gut, Kernaussagen sind wichtig, das Setting muss geklärt sein – aber irgendwann brauchen wir auch Inhalte für die Handlung.
Motive kann man nie genug haben, und sie können vielerlei Gestalt annehmen.
Die Beschreibung eines Ortes.
Darstellungen einer bestimmten Emotion.
Ein kurzer Gesprächsfetzen, der irgendwie Sinn macht, man weiß aber noch nicht, warum.
Der Moment, an dem alles gut wird, oder der Moment, an dem alles zerfällt.
Sammelt alles – egal, wie wichtig oder unwichtig es erscheint.
Hier eine Empfehlung:
Sammelt eure Motive, aber sammelt sie unabhängig von der Geschichte, für die ihr noch keine Struktur habt.
Das ist mehr ein logistischer Punkt, der jedoch einen wichtigen emotionalen Hintergrund hat.
Was AutorInnen auf jeden Fall vermeiden sollten, ist, in der einen Textdatei, in der die Idee, die Aussage, die Wendung, das Thema und der Inhalt skizziert werden, ebenfalls Motive zu sammeln.
Wer zum Beispiel eine Notizverwaltung benutzt, möge alle diese Dinge in separaten Notizen verstauen.
Warum?
Weil sonst die Gefahr besteht, dass man sich in ein Motiv verliebt und dann, wenn sich die Struktur von einem wegentwickelt, verzweifelt versucht, das Bild in eine Geschichte zu pressen, obwohl es schon lange nicht mehr hineinpasst.
Man sieht im Lektorat sofort, wenn AutorInnen sich in ein Motiv verliebt haben, das eigentlich nicht in die Geschichte gehört.
Faustregel: Selbst die genialsten Motive müssen auch einmal gestrichen werden – das gehört zur Evolution einer Geschichte.
Je sauberer man die ganzen Bauteile auseinanderhält, desto einfacher wird die Arbeit. Je kleiner man die Portionen aufteilen kann, desto besser.
Das klingt wie eine maßlos aufgeblasene Strukturarbeit, wenn man – im Falle einer Kurzgeschichte – von einem Dutzend Seiten redet. Glaubt mir: Spätestens beim Roman muss man so arbeiten, sonst wird es sehr schnell unübersichtlich und chaotisch.
Der Punkt ist, die AutorInnen von Anfang an auf Flexibilität gegenüber ihren Motiven auszurichten.
Je mobiler und flexibler Bilder und Szenen bleiben, desto besser kann man sie im Plot hin und herschieben.
Am Anfang habe ich solche Bausteine auch wortwörtlich in Form zahlloser tagelang Zettel auf dem Küchentisch hin- und hergeschoben oder sie auf Klebezetteln an der Wand arrangiert.
Hier gilt das Gleiche, was auch für Ideen gilt. Diese Bausteine führen ein mysteriöses Eigenleben. Es passiert mir immer wieder, dass ein Motiv scheinbar ewig am Rande meiner Notizen herumvegetiert wie ein verlorener Mond im äußeren Sonnensystem, bevor ich verstehe, was ich damit machen soll. Manchmal muss ich das Motiv auch schweren Herzens vom Tisch nehmen. Oft taucht es dann in einem ganz anderen Zusammenhang gesund und munter wieder auf.
Diese harten Opfer können AutorInnen selbst auf den letzten Metern der Publikation noch unvermittelt von der Seite anfallen. Ich hatte die liebevoll gestaltete Szene schon in der finalen Version des Romans, als das Feedback meiner Lektorin kam: „Schöne Szene, sie trägt aber absolut nichts zur Handlung bei.“ Diese Szene zu streichen, tat richtig weh, aber manchmal muss das sein.
Das Universum hat einen festen Plan für eure Geschichte, wir sind nur öfter mal nicht so gut im Zuhören.
Was bitte hat das jetzt mit Wohlfühlzonen zu tun?
Alles, denn wir neigen dazu, in den immer gleichen Bahnen zu denken. Straßen, die unsere Biografie in unserem Kopf zu gut befahrbaren Autobahnen ausgebaut hat.
Daher werden AutorInnen auch eine ungewollte Häufung ähnlicher Motive in ihren Geschichten erleben, die nicht notwendigerweise hilfreich ist.
Eine Freundin von mir liebt zum Beispiel Kochen über alles. Sie ist eine liebevolle, empathische Person und zu niemandes Überraschung enthält ihre Persönlichkeitsstruktur ein Netz von Autobahnen, das keine gut ausgeschilderte Auffahrt für Aktionszenen hat.
Das führt in ihren Geschichten dazu, dass die ProtagonistInnen dazu neigen, bei jeder sich bietenden Gelegenheit eine Pause zu machen und mit dem Kochen zu beginnen. Diese Szenen sind dann gern fünf Seiten lang.
Die Aktion-Szene, welche folgt, wenn der Antagonist die Helden angreift, kann dann schon mal in zehn Zeilen abgefrühstückt werden.
Es ist jedes Mal ein episches Drama, wenn ich eine dieser Koch-Pausen kürzen will, weil das ausführliche Zubereiten wohlriechender Pfannkuchen nicht so relevant für die Handlung ist, wie die Autorin gerne hätte.
Es ist wichtig zu lernen, wo die eigenen Wohlfühlzonen liegen, und deswegen Motive zu erkennen, die in den Plot passen und andere, die möglicherweise unterrepräsentiert sind.
Fun Fact: Männer neigen dazu, es umgekehrt zu machen. Deren Helden dürfen froh sein, wenn sie bei der Rettung der Welt überhaupt mal was zu essen bekommen. Geschweige denn, eine Toilette. Waffen machen nicht satt und wer immerzu kocht, verpasst möglichweise den Weltuntergang. Schaut Euch Eure Motivsammlungen an und fragt euch: Was mache ich gerne und was sehe ich nicht, weil es nicht da ist.