Phantastische Schreibwerkstatt

The first draft of anything is shit.” (Ernest Hemingway)

10 – Ideen im Herzen

Klingt kitschig, ich weiß. Es ist aber wichtig.

Jede Geschichte nimmt irgendwo ihren Anfang.

Zum Start des Seminars sind alle Teilnehmenden angehalten, eine initiale Idee mitzubringen. Es gibt keine strengen Vorgaben zu diesen Ideen.

Der erste Impuls kann ein Bild sein, eine Begegnung oder auch nur das grobe Thema. Es kann das Gefühl zu einer Erinnerung sein, genauso wie die willkürliche Passage in einem anderen Buch, die einen nicht mehr loslässt.

Ein Impuls ist auch nur das: Ein kleiner Ort, an dem sich Kreativität zunächst etabliert, bevor sie sich entfalten kann.

Diese Startpunkte haben noch keine Struktur und kein wirkliches Ziel.

Impulsen wohnt auch kein fester Zeitplan inne. Ich hatte einmal das Bild eines jungen Mannes im Kopf, der durch die Stadt geht und überall seltsame Blumen sieht. Ich habe diesen Impuls brav in mein Tagebuch geschrieben und später – bei passender Gelegenheit – den Roman zu dem Bild entwickelt. Das war volle fünfundzwanzig Jahre später.

Bitte lasst euch mit eurer Geschichte nicht ganz so viel Zeit, aber ich denke, es wird deutlich, was hier der Punkt ist.

Der Impuls, der ganz am Anfang steht, dient als Kristallisationspunkt für weitere Ideen. Nichts von den Motiven, die um die Idee herum wachsen, ist in Stein gemeißelt. Mein ursprünglicher Protagonist war ein junger Mann, der durch die Stadt wanderte. Am Ende verwandelte er sich in eine Protagonistin im Rollstuhl und die Blumen wuchsen schließlich in den Spülkästen von Toiletten.

Ideen und Motiven wohnt ein Eigenleben inne, welches AutorInnen nicht kontrollieren können. Jeder Anfang ist ein Keim für Wachstum. Wichtig ist, dass selbst wenn man eine genaue Vorstellung davon hat, was für eine Pflanze sich aus dem Keim entwickeln soll, ist es ein verlässlicher Erfahrungswert, dass der Keim seine eigenen Vorstellungen hat.

Was AutorInnen jedoch tun können, ist, die Ideen zu befragen. Man kann immer mit den Protagonisten sprechen. AutorInnen können sie fragen: Was ist deine Geschichte, was möchtest du, dass ich der Welt über dich mitteile?

Das klingt seltsam, funktioniert jedoch erstaunlich gut, wenn man sich darauf einlässt.

Gehört bitte niemals zu den AutorInnen, die glauben, sie würden sich aktiv etwas ausdenken und könnten ihre Motive – und somit ihr Schreiben – mittels des Verstandes kontrollieren. Solche AutorInnen hören schnell wieder auf zu schreiben, denn sie enden gerne in einer selbstgebauten Schreibblockade.

Der wesentliche Teil des Kunstschaffens ist unterbewusst.

Bei den meisten Menschen, die schreiben wollen, finden sich die Motive von allein im Kopf ein. Tatsächlich ist es oft umgekehrt: Menschen finden sich im Schreiben ein, eben weil sie sich gegen die einströmenden Ideen nicht wehren können und einen Weg suchen, sie aus dem Chaos des Ungeformten in die Ordnung einer Realität zu holen, selbst wenn diese Ordnung fiktiv ist. Sie können überhaupt nichts dagegen machen, die Schreibenden nicht und die Motive wahrscheinlich auch nicht.

Wenn Ihr jedoch glaubt, aktiv suchen zu müssen, dann sucht bitte immer da, wo euer Herz ist.

Klingt immer noch kitschig, ich weiß. Ist aber so.

Sucht niemals da, wo ihr glaubt, dass eine Idee sein sollte. Nur die Dinge, die Euch bewegen und Euch erreichen, bewegen Euch genug, um den Aufwand zu betreiben, andere bewegen und erreichen zu wollen.

Das ist oft hart für junge AutorInnen, denn sie sehen sich den Markt an, erfahren, was im Moment gefragt ist und sind entmutigt. Sie finden sich vielleicht innerlich nicht in dystopischen seelenleeren Alpträumen wieder, oder im dunklen, pornographischem Schund, gefärbt in fünfzig Schattierungen von Grau, oder in endlos gleichen, geheimen Zauberschulen.

Es wird sich vielleicht die Illusion einstellen, dass sich niemand für das Thema interessiert, über das man schreiben möchte. Der Irrtum ist hier ist, zu glauben, es ginge um diese äußeren Themen. Das ist Unsinn.

Es geht um die Leidenschaft des Erzählens.

Es geht darum, dem Leser zu demonstrieren, wie sehr man selbst an der Botschaft interessiert ist.

Wenn Leser das spüren können, sind sie bereit, einem praktisch überallhin zu folgen.

Der Maßstab einer Idee sollte also sein:

Was ist mir wichtig?

Mir ist Botanik wichtig?

Also schreibe ich einen Science-Fiction-Roman über Blumen.

Zara Zerba – “Phytopia Plus”

(Nominiert für den Kurd-Laßwitz-Preis 2025)

Mir ist Musik wichtig? Weil Musik Türen öffnen kann?

Also schreibe ich einen Science-Fiction-Roman über Musik, die wortwörtlich transdimensionale Tore öffnet.

Lena Richter – “Dies ist mein letztes Lied”

(Nominiert für den Kurd-Laßwitz-Preis 2024)

Ihr seht, worauf es hinausläuft …

Schreibt über das, woran ihr wirklich glaubt. Ihr habt eine Religion, die euch trägt, … schreibt darüber. Ihr habt die Überzeugung, das Religionen Menschen zurückhalten, … schreibt darüber.

Ganz, ganz, ganz wichtig:

Versucht niemals, zu faken, was ihr nicht fühlt!

Es gibt solche AutorInnen.

Sie denken: Niemand liest Geschichten über meine zeitreisende viktorianische Korsettschneiderin! Ich will aber doch berühmt werden, also mache ich das einzig Logische und schreibe … Thriller.

Das ist emotionaler Ausverkauf und LeserInnen spüren das. Sofort. Fragt mich nicht wie, aber sie merken es und strafen AutorInnen dafür ab. Hart.

Bleibt bei den Themen, die für euch authentisch sind. Wenn ihr darüber perfekte Form, tiefe Recherche und hartnäckige Stilentwicklung aufbaut, dann ist das Schlimmste, was euch passieren kann, dass LeserInnen sagen: „Schön geschrieben, aber es interessiert mich nicht.“

Was jedoch viel wahrscheinlicher ist, ist, dass ihr euch Stück für Stück eure eigenen LeserInnen heranzieht. Und die sind dann wirklich dankbar. Und lieber habt ihr ein paar durchgedrehte, aber liebenswerte viktorianische Korsettfans in eurem Leben, als die gesamte Community der Thriller-Leser, die mit toxischen Urteilen zum Thema Korsetts über euch herfallen und euch erklären, warum euch das zu einer verabscheuungswürdigen Person macht.

Denkt immer daran, dass ihr mit jedem Text, den ihr scheibt, auch LeserInnen erzieht. Es lohnt sich darüber zu reflektieren, welche Art von LeserIn ihr gerne in eurem Leben hättet, denn irgendwann begegnet ihr denen auch persönlich. Manche Menschen entscheiden sich für die Umarmungen, andere für Heugabeln und Fackeln.

Ich überlasse es euch.