Zum Ende des Seminars wird sich die Frage stellen, nach welchen Kriterien die einlaufenden Geschichten bewertet werden sollen und wie Inhalt, Qualität und Form in einer Gesamtnote zusammengeführt werden können.
Ich habe mit dem Gedanken gespielt hierfür einen Bewertungskatalog zu erstellen und dazu Kriterien und Beurteilungsskalen festzulegen.
Kurzes Nachdenken hat mich jedoch an dem Punkt gebracht, dass ich damit lediglich subjektive Kriterien hinter einer pseudoformalen Wand verstecken würde, und überdies Tür und Tor für endlose Diskussionen öffne.
Meine Lösung wäre, lieber ergebnisorientiert zu arbeiten.
Zu Beginn des Seminars habe ich deutlich gemacht, dass ich durchaus eine Agenda habe, nämlich alle geeigneten Geschichten in Form einer wie auch immer gearteten Publikation herauszubringen, wenn oder sobald sich dies in irgendeiner Weise realistisch darstellen lässt.
Bei der Auswahl der Geschichten würde ich dabei natürlich die Kriterien benutzen, die ich auch anlege, wenn ich eine Anthologie zusammenstelle.
In der niedrigsten Kategorie wären dabei die Geschichten, die sofort rausfallen, weil sie verschiedene grundlegende Kriterien nicht erfüllen. Solche Geschichten erwarte ich im Rahmen des Seminars nicht, folglich starten die Kategorien – respektive die Noten – an dem Punkt, an dem die Geschichte es tatsächlich in die fiktive Anthologie schaffen würde.
Disclaimer: Bei diesen ganzen Benotungsgeschichten habe ich sowieso nichts zu sagen, weil ich ja nur der Gastredner bin. Formale Dinge wie Scheine und Noten fallen in den Aufgabenbereich meines Mitstreiters und Organisators Dr. Markus Tillmann. Deswegen sind meine spekulativen Benotungskategorien auch nichts anderes als genau das: Spekulation. Außerdem habe ich hier sowieso kein universitäres Pferd im Rennen; von mir aus könnte auch jeder, der mich tagelang reden hören muss, schon als Schmerzensgeld die Bestnote bekommen.
Die übrigen Geschichten fallen meistens in drei Kategorien.
Es gibt die „Füllgeschichten“. Das ist in der Regel und leider … die Masse. Das sind die Geschichten, die ich in die Anthologie reinnehmen kann, ohne mich zu schämen, die aber nichts sind, an das sich jemand lange erinnern wird. Diese Geschichten demonstrieren, dass AutorIn die Grundidee verstanden hat, aber noch viel üben muss und es noch Luft nach oben hat, was den Bereich betrifft, den man nicht unterrichten kann. Den Bereich des Etwas-zu-sagen-Habens. Das sind die Geschichten, die den Grundanspruch des Seminars erfüllen und eine Drei (3) bekommen.
Dann gibt es die Geschichten, die beim ersten Lesen sofort aus der Masse herausstehen. Texte, bei denen man beim ersten Lesen sofort weiß, dass man sie reinnehmen möchte und dabei stumme Dankesgebete dafür nach oben schickt, dass man sie zur Publikation bekommen hat.
Diese Geschichten erfüllen nicht nur den Grundanspruch des Seminars, sondern sie bringen eine frische und überraschende Idee mit, die gut umgesetzt ist.
Diese Geschichten bekommen eine Zwei (2) – und meinen tiefen Dank.
Selten, aber immer dabei, in jeder Ausschreibung, sind Geschichten von Leuten, die wissen, was sie tun, und/oder einfach lächerlich begabt sind. Die gibt es einfach. Das sind die Geschichten, bei denen ich die Namen der VerfasserInnen auswendig weiß und ihnen sagen werde, dass sie jede Hilfe kriegen, die sie brauchen und die ich persönlich bis zur Roman-Publikation trage. Das sind die Menschen, denen ich gerne Mentoring anbiete und bei denen ich meiner Verlegerin sage: „Hier, diese schreibende Person verdient eine Chance.“
Das sind die Geschichten, die eine Eins (1) kriegen und damit kommuniziere ich: Hier ist Platz für eine Karriere und der Einsatz lohnt sich. Zumindest eine solche Person ist auch im Seminar, das weiß ich jetzt schon.
Fun Fact: Genauso, wie man die Qualität einer Kurzgeschichte bereits auf Seite eins erkennt, erkennt man auch begabte AutorInnen an der Qualität der Fragen, die sie stellen.