Im Rahmen dieses Seminars werdet ihr gebeten, Eure Texte auf Normseiten zu schreiben und auch so einzureichen.
Normseiten sind hässlich. Das ist Absicht. Der Font ist keine Proportionalschrift, die in der Regel im Schriftbild als angenehmer empfunden wird, sondern eine Festbreitenschrift. Sieht aus wie auf einer alten Schreibmaschine.
Die Normseite hat zwei große Vorteile:
Erstens: Der Autor kann sich nicht hinter überkomplexen Formatierungen verstecken. Er kann keine Bilder einfügen, wilde Schriftwechsel oder Farb-Exkurse im Seitenbild veranstalten. Wenn Ihr jetzt denkt: „Wer macht denn so etwas?“, wäre meine Antwort: Ihr wäret verblüfft. Ich hatte schon Porträtfotos von AutorInnen in Unterwäsche mitten im Einreichungstext. Echt jetzt. Ich wünschte, ich würde mir so etwas ausdenken.
Zweitens: Alle Texte werden vergleichbar. Der Autor hat langfristig die Chance ein Gefühl dafür zu entwickeln, wie viel Platz eine Kurzgeschichte, ein Kapitel, eine Szene braucht. Die Herausgebenden wiederum erkennen auf einen Blick, welches Materialvolumen ihnen zur Verfügung steht.
Aber es geht auch noch um mehr.
Ich möchte die Gelegenheit nutzen, kurz etwas zur Form allgemein zu sagen.
Man würde nicht meinen, dass Form etwas ist, das kontrovers sein könnte, aber ihr wärt erstaunt, wie ungehalten Autoren reagieren können, wenn man ihnen formale Vorgaben für die Einreichung ihrer Texte macht. Meist auf der Basis von: „Das könnt ihr doch selbst machen, das ist doch euer Job. Ihr seid doch der Verlag.“
Die Forderung, der Verlag solle das Formatieren des Textes bitte selbst übernehmen, entsteht irgendwie aus der bizarren Logik, dass der Autor mit dem Verfassen seines Werkes ja bereits das Maximum seiner Tätigkeiten vollständig ausgeschöpft hat.
Das kann man so sehen. (Ich habe auch das Gendern nicht vergessen. Es sind tatsächlich ausschließlich Männer, die sich beschweren.)
Es gibt jedoch folgenden interessanten Zusammenhang, der mir im vergangenen Jahrzehnt immer wieder aufgefallen ist:
Die besten Geschichten werden von AutorInnen vorgelegt, die darüber hinaus auch den formalen Aspekt ihrer Arbeit fest im Griff haben. Auf der anderen Seite weitet sich ein Chaos in Form und Sprache immer auch zuverlässig auf den Inhalt einer Geschichte aus.
Keine Ahnung, warum das so ist. Es ist aber zuverlässig reproduzierbar.
In allen anderen Aspekten des Lebens ist diese Erkenntnis übrigens nicht weiter überraschend. Wer die Form seines Instruments nicht beherrscht, der wird kein professioneller Musiker. Wer im Bademantel zum Bewerbungsgespräch aufschlägt, bleibt arbeitslos. Aus irgendeinem Grund glauben manche AutorInnen jedoch, dass ausgerechnet in der Literatur auf einmal ein Satz völlig neuer Regeln gilt.
Die aufstrebenden SchriftstellerInnen könnten sich die Frage stellen, ob sich der Verlag tatsächlich die ganze Mühe machen würde spezifische formale Vorgaben zu machen, wenn er keinen guten Grund dafür hat.
Hier ist ein Tipp – macht daraus, was auch immer ihr wollt.
Vielleicht lohnt sich die Reflexion darüber, ob es sich möglicherweise um einen Test handelt. Es könnte doch sein, dass der Verlag wissen möchte, wie intensiv die AutorInnen eigentlich recherchiert haben, bevor sie ihren Text einreichen. Es gibt Menschen, die vom Handy aus jeden beliebigen Verlag, den ihre Suchmaschine ausgibt, mit ihrem Text spammen.
Ich hatte tatsächlich schon Einsendungen, in denen mich der Autor mit dem falschen Namen anredete, weil er die Mail mit seiner Geschichte (die überhaupt nicht in die Ausschreibung passte) einfach zum nächsten Verlag weitergeleitet hat.
Hier eine kleine Anekdote zum Thema scheinbar sinnlose Anforderungen: Die Band Van Halen hatte in ihrem Vertrag für Veranstalter eine Klausel, die besagte, dass Backstage eine Schüssel mit M&Ms bereitgestellt werden musste. Daneben stand die Warnung, dass in dieser Schüssel auf keinen Fall braune M&Ms enthalten sein durften.
Grund dafür war, dass die Band im Chaos endloser Auftritte in immer neuen Städten einen einfach zu prüfenden Indikator haben wollte, ob der Veranstalter den Vertrag überhaupt vollständig gelesen hatte.
Manchmal sind sinnlos scheinende Details tatsächlich durchdacht und es lohnt sich genau hinzusehen, wenn der Verlag einschränkende Formvorgaben macht. Sie dienen dem Verlag auch als wertvoller Indikator für die innere Einstellung der AutorInnen, schließlich muss ich mir als Lektor oder Herausgeber die Frage stellen, ob das eine Person ist, mit der ich über lange Zeit eng zusammenarbeiten möchte.
Einsendungen an Verlage sollten nicht wesentlich anders behandelt werden als Bewerbungen auf einen neuen Job. Denkt daran: Man bewirbt sich nicht für ein Buch. Man bewirbt sich um die enge Zusammenarbeit, bei der ein Buch herauskommen soll.