Phantastische Schreibwerkstatt

The first draft of anything is shit.” (Ernest Hemingway)

07 – Länge der Kurzgeschichte

Für dieses Seminar musste ich unter anderem eine Vorgabe für die Länge der Geschichten machen. Ich bin dabei zu dem Schluss gekommen, dass 15.000 – 25.000 Zeichen (plus Leerzeichen) ein ganz guter Rahmen ist. Das sind grob geschätzt etwa zehn bis achtzehn Normseiten.

Wie bin ich da hingekommen?

Ich habe erst einmal eine ausführliche Statistik über die fünfzig Kurzgeschichten gerechnet, die ich selbst geschrieben habe, um Unter- und Obergrenze zu finden und den Mittelwert zu bekommen.

Das Ganze habe ich dann noch einmal mit zwei Dutzend vergangenen und gegenwärtigen Anthologie-Ausschreibungen wiederholt. Auch hier habe ich Unter- und Obergrenze gesucht, sowie versucht, das Mittelfeld zu finden.

Dabei muss man im Auge behalten, dass sich in den Vorgaben der Ausschreibungen nicht notwendigerweise ein Interesse an Literatur spiegelt.

Gerade bei Anthologieausschreibungen gibt es in der Regel zwei generelle Strategien, die Herausgeber verfolgen.

Erstens: Masse füllt das Buch. Der Herausgeber gibt einen sehr kurzen Rahmen vor (klassisch: 10.000 Zeichen plus Leerzeichen). Er baut darauf, dass viele AutorInnen schnell einen kurzen Text produzieren können und er zügig genug Geschichten erhält, um das Buch zu füllen.

Zweitens: Wenige Geschichten, dafür lange. Der Herausgeber gibt einen sehr breiten Rahmen vor (klassisch: 40.000 Zeichen plus Leerzeichen). Er baut darauf, dass die AutorInnen, die sich die Mühe machen, eine lange Geschichte zu schreiben, mehr Mühe geben. Selbst wenn es am Ende nicht viele Texte werden, braucht der Herausgeber aber auch nicht viel, um das Buch voll zu kriegen.

Der zweite Ansatz funktioniert meiner Erfahrung nach nicht gut, weil er einen Denkfehler enthält. Unerfahrene AutorInnen neigen zur unnötigen Länge, das heißt, man endet oft mit sehr langen, sehr langweiligen Geschichten.

Deswegen habe ich mir im nächsten Schritt Gedanken gemacht, wann – unabhängig von den Ausschreibungen – eine sinnvolle Unter- und Obergrenze erreicht ist.

Die relevante Frage dabei ist, ab welcher Seitenzahl es überhaupt erst wahrscheinlich ist, dass unerfahrene AutorInnen die Struktur einer Kurzgeschichte sinnvoll konstruieren können. Daran schließt sich die Frage an, ab welcher Länge es unwahrscheinlich wird, dass die gleichen AutorInnen diese Struktur noch aufrechterhalten können.

Meiner Erfahrung nach ist es sehr schwer, auf unter zehn Normseiten eine brauchbare Kurzgeschichte vorzulegen. Die AutorInnen müssen eine hohe Kompressionsrate fahren und die Struktur auf den Punkt bauen. Dazu bedarf es in der Regel Erfahrung.

Andererseits sind Plot-Ideen, die tatsächlich 20 bis 25 Seiten brauchen, um umgesetzt zu werden, eher selten. Wenn man diese Geschichten von AnfängerInnen bekommt, kann man in der Regel noch kürzen, weil nicht alle Motive auf die Aussage zielen.

Diese Vorgaben sind aber auch kein striktes Ausschlusskriterium.

Wenn jemand eine brillante Kurzgeschichte auf acht Normseiten konzipiert, werde ich ihn genauso wenig aus dem Seminar werfen, wie jemanden, der über zwanzig Seiten wunderschöner Prosa vorlegt.

Es muss halt passen und gut funktionieren.