06 – Definition des Genres und seiner Grenzen

Science-Fiction ist ein erstaunlich breites Genre, welches über eine große Zahl distinkter Subgenres verfügt. Es gibt jedoch einige literarische Kernkriterien, welche – natürlich in unterschiedlicher Ausprägung – nahezu allen Subgenres gemeinsam sind:

1. Bezug auf wissenschaftliche oder pseudowissenschaftliche Konzepte.

Zentral ist immer eine Verbindung zu Naturwissenschaft, Technik oder spekulativer Wissenschaft. Diese kann realistisch fundiert sein oder bewusst erfunden, aber sie folgt meist einer inneren Logik. Wichtig: Die fiktive Welt unterscheidet sich aufgrund dieser Konzepte von unserer Gegenwart.

2. Spekulation über mögliche Zukünfte oder alternative Realitäten

Science-Fiction fragt im Kern: „Was wäre, wenn…?“ und entwirft damit zukünftige Entwicklungen, oder alternative Zeitverläufe, bis hin zu Parallelwelten oder fremde Zivilisationen. Diese spekulative Dimension ist eines der Hauptmerkmale des Genres.

3. Rationalisierbarkeit statt Magie

Im Gegensatz zur Fantasy werden außergewöhnliche Phänomene nicht als magisch, sondern als prinzipiell erklärbar dargestellt – selbst wenn die Erklärung fiktiv ist. Ein Lichtschwert ist mega weit hergeholt, wird aber dennoch initial technisch begründet, nicht mystisch.

4. Fokus auf Auswirkungen von Technologie und Wissenschaft

Ein weiteres gemeinsames Kriterium ist die Frage nach den Konsequenzen für Individuen (Identität, Körper, Bewusstsein), oder die Gesellschaften (Machtstrukturen, Ethik, Politik), oder die Menschheit insgesamt. Science-Fiction ist daher oft auch Gesellschaftsspiegel, Kritik oder Zukunftsanalyse.

5. Verfremdung der Gegenwart

Bekannte Realität wird verfremdet, sodass Leser ihre eigene Welt neu betrachten. Diese Technik verbindet viele Werke – egal ob sie im Weltraum oder in naher Zukunft spielen.

6. Konsistente Weltgestaltung (Worldbuilding)

Allen Subgenres ist gemein, eine in sich kohärente Welt zu entwerfen, deren Regeln nachvollziehbar sein müssen. Diese innere Logik ist entscheidend für die Glaubwürdigkeit der Spekulation.

Grenzen des Genres:

Durch die enorme Breite und Vielfalt des Genres, ist es möglich andere Genres in die Science Fiktion hineinfließen zu lassen. In diesem Moment wird die Science-Fiction von einem Genre zu einem Setting, welches bestimmend für die Handlung ist, aber unzählige Erweiterungen ermöglicht.

Ein Beispiel dafür ist die Verwendung einer virtuellen Realität. Diese erlaubt es problemlos Inhalte aus z.B. Fantasy oder klassischen Kriminalgeschichten, in die eigene Welt einzubauen.  

Wenn also für die eigene Geschichte eine Orkschlacht unerlässlich ist, um die wahre Tiefe des emotionalen Leidens der Protagonisten zu ergründen, dann wäre die virtuelle Realität ein vollkommen adäquater Weg dies umzusetzen.

Eine andere Lösung wäre die technische Entwicklung so lange zu erweitern, bis Magie und Wissenschaft äußerlich kaum noch zu unterscheiden sind. Wenn es AutorIn also vollkommen unmöglich ist, die Kernaussage ohne Einhorn zu transportieren, denn wäre es vollkommen legitim, etwa ein kybernetische Geschöpf zu benutzen. Lebendes Gewebe auf einem künstlichen Endoskelett. Wie in Terminator.

Wichtig: Wenn man diese vollkommen legitimen Wege wählt, dann muss man sich AutorIn im Klaren sein, dass diese veränderte Modalität des Erzählens (etwa in einer künstlichen Realität) eine Konsequenz für die Handlung haben muss.

Beispiel: Der Protagonist ist allein auf seinem Raumschiff und in einer ausweglosen Situation. Aus Hilflosigkeit wendet er sich an das holografische Konstrukt einer berühmten und verstorbenen Wissenschaftlerin. Der Protagonist ist ein Außenseiter und auf trifft plötzlich auf jemanden, der ihn versteht und mit dem er zusammenarbeiten kann, der aber nicht real ist. Dieses Motiv muss eine Konsequenz für die Geschichte haben. Natürlich verliebt er sich und muss – in einer Wendung am Schluss – akzeptieren, dass er z.B. für die Rettung des Raumschiffs die nicht reale Person opfern wird.