Phantastische Schreibwerkstatt

The first draft of anything is shit.” (Ernest Hemingway)

04 – Warum Science-Fiction

In diesem Seminar widmen wir uns der Frage, wie man eine Science-Fiction-Kurzgeschichte schreibt. Das wirft erst einmal die offensichtliche Frage auf: Warum kein Seminar über Fantasy, Horror, Liebesgeschichten oder Krimis?

Die einfache Antwort ist: Weil der Autor, der das Seminar begleitet, ein Science-Fiction-Autor ist.

Aber gelten die Grundlagen und Regeln für das Schreiben einer Kurzgeschichte nicht auch in allen anderen Genres?

Die Antwort wäre ein klares Jein.

Jedes einzelne Genre besitzt einen eigenen Satz fundamentaler Regeln und seine ganz eigene Motivsprache.

Es reicht leider nicht die Regeln zu kennen, das allein ist schon aufwändig genug. Die Motivsprache eines Genre entwickelt sich über viele Jahrzehnte (und länger) hinweg und wird fortwährend ausgeweitet.

Wenn ich also einem Haufen Studenten erklären soll, welche Motive funktionieren und welche nicht, dann weiß ich das nur deswegen, weil ich Dutzende von Romanen und Hunderte Geschichten in dem Genre gelesen habe. Aber nur in diesem Genre. 

Das bringt uns zu der fundamentalsten Eigenschaft von AutorInnen, die leider auch nicht verhandelbar ist:    

Jede schreibende Person ist zu allererst LeserIn.

Schreiben allein reicht nicht.

Dies ist eine dieser Ansagen, mit denen ich mich gerne unbeliebt mache. Es ist eine Wahrheit, die für viele Autoren schwer zu hören ist: Man kann nicht in einem Genre schreiben, wenn man nicht in diesem Genre liest.

Es gibt AutorInnen, die fallen bei dieser Ansage aus allen Wolken.

„Wie, ich muss Bücher lesen? Ich will keine Bücher lesen, ich will ein Buch schreiben!“

Ich schließe in solchen Momenten die Augen und stelle mir den begabten Klavierschüler vor, der zu seiner ersten Stunde kommt und laut verkündet, dass er Konzertpianist werden will. Auf die Frage seiner Lehrerin welchen Komponisten er denn besonders schätzt, antwortet er, dass er eigentlich keine klassische Musik mag.

Wer meint, dass ich übertreibe, dem sei gesagt, dass mir in schöner Regelmäßigkeit AutorInnen begegnet sind, die vollmundig den ersten Band ihrer epischen High-Fantasy-Saga vorlegen wollen, in der die Welt vor dem Bösen gerettet wird.

Auf die Nachfrage, wie oft sie den Herrn der Ringe gelesen haben, kommt dann die Antwort: „Gar nicht, aber ich habe die Filme gesehen.“

Wie bei allen meinen laut – mit voller Überzeugung – verkündeten Wahrheiten, gilt auch diese natürlich nicht uneingeschränkt. Es gibt immer wieder ganze Seminare, in denen StudentInnen schreiben, die keine Science-Fiction lesen. Diese haben dann hoffentlich einen brillanten Autor an ihrer Seite mit einem lexikalischen Wissen über die gesamte Science-Fiction-Literatur. Und wenn der keine Zeit hat, dann mache ich es eben.

Auch muss man fairerweise zugestehen, dass immer wieder hochbegabte Autoren aus dem Nichts auftauchen, die dem Genre mal ambulant seitwärts mit einem Meisterwerk in die Seite grätschen, welches alle etablierten Regeln umstößt. Die haben dann prompt auch keinen einzigen Science-Fiction-Roman gelesen.

Die Frage, die wir uns stellen sollten, ist: Bin ich auch so einer? Oder bin ich einer von den anderen 99,9%, die besser mal die Straße der harten Arbeit nehmen. Dann sollte ich mich allerdings auch gut in meinem Gebiet auskennen. Jedes Genre verfügt über ein eigenes Motivalphabet, das man sehr gut kennen muss, mit dem man intim vertraut sein sollte. Jedes Genre hat seinen eigenen AutorInnen, die diesem Genre wie ein Leuchtturm voranstehen. An diesen Autoren führt kein Weg vorbei.

  • Wer einen Liebesroman schreiben will, sollte „Der große Gatsby“ von F. Scott Fitzgerald auswendig kennen.
  • Wer einen Krimi schreiben will, kommt nicht an Agatha Christie vorbei. Niemals. Wird nicht passieren.
  • Wer Horror schreiben will, muss Stephen King studieren. (Den man übrigens per se studieren sollte, einfach weil er der größte Erzähler unserer Zeit ist.)
  • Wer klassische Science-Fiction schreiben will, braucht die Meister aus der goldenen Zeit: Isaac Asimov, Arthur C. Clarke, Robert A. Heinlein, Philip K. Dick.
  • Wer epische Fantasy schreiben will, ist bei J. R. R. Tolkien richtig.
  • Wer humorvolle Fantasy schreiben will, wird Terry Pratchett lieben.

Selbst außerhalb der großen, etablierten Genres setzen sich diese Regeln fort. Wenn man plant, die große literarische Stimme der Generation Z zu werden, dann muss man die große literarische Stimme der Millennials verstehen. Damit sind die Bücher von Sally Rooney Pflicht. Wenn man feministische Science-Fiction schreiben will, führen alle Wege zu Ursula K. Le Guin. Und so weiter, und so weiter …

Auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: Am Studieren der großen Vorbilder führt kein Weg vorbei. Woher wollen  AutorInnen denn sonst wissen, dass sie nicht versehentlich abschreiben, wenn sie nicht wissen, welche Motive in ihrem Genre seit Jahrzehnten fest etabliert sind?

Ich würde sogar noch einen Schritt weiter gehen.

Wer wirklich so gut werden will wie die Meister, der liest und studiert sie nicht nur, der zerlegt sie mit der Pinzette und fragt: Okay, wie hat sie oder er das jetzt gemacht?

Oft bekomme ich das Feedback, dass die Leser die sanfte Ironie in meinen Geschichten genießen. Seit Jahrzehnten lese und höre ich die vierzig Scheibenwelt-Romane in quasi täglicher Endlosschleife, um zu lernen, wie man Pointen platziert, humorvolle Motive im Foreshadowing einsetzt und Ironie schon in die Strukturen einbaut.

Ich weiß, ich bin da nicht allein.

Von dem legendären amerikanischen Journalisten und Autor Hunter S. Thompson ist bekannt, dass er mehrmals in seinem Leben weite Teile des Meisterwerkes „Der große Gatsby“ von F. Scott Fitzgerald abgeschrieben hat. Per Hand. Abgeschrieben! Auf die Frage, warum er denn bitte anderer Leute Bücher abschreibt, antwortete er, dass er wenigstens einmal in seinem Leben spüren wollte, wie es sich anfühlt, ein Meisterwerk zu schreiben.