03 – Warum Kurzgeschichten

Warum ein Seminar über Kurzgeschichten?

Nun, junge AutorInnen leben heute in einer überaus merkwürdigen Zeit. Wir alle sitzen zwischen den Stühlen einer ebenso grundlegenden wie absurden Dichotomie der zeitgenössischen Literatur-Branche.

Auf der einen Seite wollen wir alle unseren ersten richtigen Roman schreiben. Auf der anderen Seite ist unsere einzige Möglichkeit überhaupt als AutorIn wahrgenommen zu werden, die Teilnahme an Anthologie-Ausschreibungen. Diese Ausschreibungen fordern aber: Kurzgeschichten.

Also schreiben wir Kurzgeschichten. Natürlich wollen wir alle gute AutorInnen werden und unsere Geschichten auch irgendwann bei einem richtigen, echten Verlag veröffentlicht sehen. Einem Verlag mit echten LektorInnen, einem Budget, Zugang zu Buchhandlungen und allem, was sonst noch dazugehört.

Diese Verlage gibt es auch und … wait for it … keiner von ihnen will Kurzgeschichten publizieren.

Einfach weil kein Mensch Kurzgeschichten liest.

Das ist kein großes Geheimnis. Jeder weiß es, und jeder kann es sehen. Versucht einmal, in einer großen Buchhandlung eine Kurzgeschichten-Anthologie zu finden. Selbst die Kurzgeschichten etablierter AutorInnen verkaufen sich nicht. Der Markt will Romane, nur Romane und nichts außer Romanen. Der Roman ist die kleinste Währung innerhalb der Buchbranche.

Auf der anderen Seite kann jedoch niemand schreiben lernen, wenn er direkt mit einem Roman anfängt. Ich habe zwei fertige Romane in der Schublade, die mir das zu Beginn meiner Schreibversuche auf tragische Weise verdeutlicht haben. Beide sind unlesbar, weil ich jeden Fehler gemacht habe, den man beim Schreiben von Romanen machen kann.

Beginnend mit der Idee: Ich kann die Struktur einer Kurzgeschichte nicht beisammen halten, also schreibe ich mal einen Roman, denn da habe ich ja mehr Platz, um Sachen zu erklären.

Das ist ein fataler Irrglaube. Das weiß ich deshalb so sicher, weil ich die Ergebnisse immer wieder vorgelegt bekomme. Was tatsächlich passiert, ist, dass der Autor die schlechte Struktur seiner Kurzgeschichte auf einhundert Seiten aufbläht und das Ergebnis hochmotiviert unter zweihundert Seiten Infodump begräbt. Dicht gefolgt von großer Verwunderung, dass niemand seinen Roman lesen will.

Also doch lieber eine Kurzgeschichte schreiben?

Die Antwort ist ein klares Jein. Es ist ein wenig tragisch und entbehrt nicht einer gewissen Ironie, denn die Kurzgeschichte ist, ehrlich gesagt, im Vergleich zum Roman deutlich schwerer zu beherrschen. Man beginnt also mit kürzeren und deutlich komplexeren Form, weil die größere zu unübersichtlich ist. Es ist, als würde man auf einer Eisfläche Laufen lernen, weil der Berg zu gefährlich ist.

Trotzdem gibt es Hoffnung, quasi in Form eines Trostpreises. Wer sich die Mühe macht und sich der Kurzgeschichte zuwendet, lernt unglaublich viel, was er später beim Schreiben seines Romans dringend brauchen wird.

Wer die Struktur einer Kurzgeschichte versteht, der versteht auch, wie ein Roman funktioniert. Erst dann hat er das Werkzeug, ohne das es nicht geht, in den Händen.

Ich verspreche, dass es sich lohnt den Berg der Kurzgeschichten zu erklimmen. Romane werden dann irgendwann geradezu entspannend sein. Echt jetzt.