Phantastische Schreibwerkstatt

The first draft of anything is shit.” (Ernest Hemingway)

20 – Vier Level der Exposition

Jeder Autor ist gezwungen, in irgendeiner Form Exposition zu benutzen. Er muss seine Leser darüber informieren, wo die Handlung stattfindet und welche Details der Szenerie für das Verständnis wichtig sind. Exposition kann jedoch sehr unterschiedliche Formen annehmen. Hier sind die vier gängigsten:

Beispiel 1: Infodump

Die schlechteste Version der Exposition. AutorIn schüttet Informationen über den LeserInnen aus in Form eines geschlossenen Textblocks, der die Handlung unterbricht und zu einem abrupten Stillstand bringt. Im schlimmsten Fall überspringt der Leser diesen Teil einfach auf der Suche nach der nächsten Stelle, an der endlich wieder etwas passiert.

Jennifer saß im Taxi auf dem Weg ins Café, wo sie ihre alte Freundin Emilie treffen wollte. Die beiden hatten sich schon seit Ewigkeiten nicht mehr getroffen und Jennifer war aufgeregt, denn sie freute sich sehr darauf, ihre ehemals beste Freundin endlich wiederzusehen. Durch das Fenster versuchte sie, das Café zu erspähen, während sie überlegte, wann sie Emilie das letzte Mal gesprochen hatte. Es musste zwanzig Jahre her sein, denn blablabla…  

Beispiel 2: Der „sprechende“ Infodump

Ein cleverer Autor kann jetzt auf die Idee kommen, den Infodump einfach Teil einer wörtlichen Rede zu machen, denn Dialoge (respektive Monologe) kann man schließlich nicht genug haben. Das macht es aber leider nicht besser. Das Ergebnis klingt oft aufgesetzt und künstlich. Die AutorInnen legen ihrem Charakter schnell Worte in den Mund, die niemand jemals so sagen würde:

„Ich kann jetzt nicht“, erklärte Jennifer ihrem Gesprächspartner am Handy energisch. „Ich sitze gerade im Taxi auf dem Weg ins Café, wo ich meine alte Freundin Emilie treffen will. Wir haben uns schon seit Ewigkeiten nicht mehr getroffen und ich bin ganz aufgeregt, denn ich freue mich so sehr darauf, meine ehemalige beste Freundin endlich wiederzusehen, denn blablabla…“  

Beispiel 3: Der Beat

Der Beat ist eine gute Lösung. Es ist ein kurzer Austausch zwischen zwei Personen, der das heimliche Abladen von Informationen erlaubt und dabei die Handlung nicht bremst. Richtig geschrieben, fügt sich der Beat sauber in den Plot ein.

„Wohin geht’s denn?“, fragte der Fahrer.

„Zum Café Sowieso“, erwiderte Jennifer.

„Ist das im Stadtteil Keineahnungwo?“

„Keine Ahnung, ich war da selbst noch nie.“

„Wir finden das schon.“

„Meine Freundin wohnt da. Wir wollten uns auf einen Kaffee treffen.“

„Wie schön, sind sie schon lange befreundet?“

„Ja, schon ewig. Aber wir haben uns schon seit zwanzig Jahren nicht mehr gesehen.“

„Wirklich? Warum?“

„Weil…, blablabla“

Beispiel 4: Charakterzeichnung im Beat

Hier wird nicht nur die Exposition im Gespräch versteckt, sondern die Reaktionen der Gesprächspartner erlauben en passant eine stärkere Ausarbeitung des Charakters. Man schlägt zwei Fliegen mit einer Klappe. Die Handlung wird vorangetrieben und der Charakter gewinnt gleichzeitig an Tiefe.

Jennifer ließ sich mit einem Seufzen in den Beifahrersitz fallen.

„Zum Café Sowieso, bitte.“

„Ah“, machte der Fahrer, ein breit lächelnder Mann in seinen Fünfzigern mit einem gewaltigen Bauch.

„Das ist doch im Stadtteil Keineahnungwo – das ist dieses große Familiencafé. Meine Frau will da immer hin.“

„Oh Gott“, stöhnte Jennifer. „Familiencafé? Das heißt, es ist vollgestopft mit schreienden Bälgern?“ Sie kramte bereits in ihrer überfüllten Handtasche. „Ich nehme das Aspirin besser sofort.“

„Heißes Date?“, fragte der Fahrer und grinste noch breiter.

Jennifer schnaufte laut. „Schön wäre es. Beste Freundin aus der Schule. Wir kennen uns ewig, aber ich habe sie seit zwanzig Jahren nicht gesehen.“

„Wow!“, rief der Mann und riss erstaunt die Augen auf. „So lange? Warum?“

„Sie hat einen Vollidioten geheiratet“, murmelte Jennifer, „und dann sechzehn Kinder gekriegt oder so.“

Der Fahrer strahlte.

„Kinder sind doch wundervoll!“

Jennifer starrte ihn einen Moment lang regungslos an. Dann wandte sie sich wieder der Handtasche zu.

„Ich nehme besser gleich zwei.“