01 – Hintergrund des Seminars

Als ich vor einem Jahrzehnt mein erstes Buch veröffentlichte, nahm ich parallel dazu auch die Arbeit als Lektor für den kleinen Verlag auf, den ich zu meiner Heimat gemacht hatte. Meine Aufgabe umfasste das Sichten und Beurteilen der einlaufenden Texte hinsichtlich einer möglichen Publikation. Ich erinnere mich noch an meine Verblüffung. Ich hatte mit einem weiten, gleichmäßig verteilten Feld unterschiedlichster Qualitäten und Talente gerechnet. Die Realität war jedoch ebenso einfach wie ernüchternd. Etwa ein bis fünf Prozent der Texte standen aus der Menge heraus, der Rest war nicht zu gebrauchen.

Bis heute, zehn Jahre später, hat sich daran nichts geändert. Der Trend ist ungebrochen.

Das war jedoch nur die erste Überraschung.

Womit ich ebenfalls nicht gerechnet hatte, war, dass ich nicht mit einem unübersichtlichen Feld verschiedenster Probleme konfrontiert wurde, sondern immer wieder mit den gleichen Baustellen. Die Themen wiederholten sich derart zuverlässig, dass ich zügig begann, in meinen Mails mit Textbausteinen zu arbeiten. Auf die Textbausteine folgten Blogeinträge und danach entstand die erste Version einer Art pädagogischen Fahrplans, den ich immer benutzte, wenn ich versuchte, AutorInnen zu erklären, wie man sich von einem kaum lesbaren Text hin zu einer publikationsfähigen Geschichte bewegt.

Der Grund für diese Schieflage zwischen Volumen und Qualität ist übrigens relativ einfach auszumachen.

Während in Deutschland zwar gewaltige Mengen an Büchern konsumiert werden, gibt es jedoch beklagenswert wenig Ressourcen, die angehenden AutorInnen ermöglicht, die Grundlagen des Erzählens zu lernen.

Während es in anderen Ländern etablierte Studiengänge gibt, welche das ausdrückliche Ziel haben, aus jungen Menschen professionelle AutorInnen zu machen, ist diese Idee bei uns nicht einmal bekannt.

Hinzu kommt, dass der amerikanische Markt, dank Hollywood, jedes Jahr aufs Neue eine gewaltige Flut angehender DrehbuchautorInnen produziert. Dementsprechend ist der Buchmarkt gesättigt mit Anleitungen, wie man Schreiben und Strukturieren lernen kann. Drehbücher sind keine Romane, aber Erzählstrukturen sind übertragbar.

Es ist also nicht so, dass es keine Bücher, Kurse, Anleitungen und Podcasts gäbe, aber sie stehen noch immer hinter einer nicht unerheblichen Sprachbarriere.

Hierzulande haben die meisten der angehenden AutorInnen deswegen einen massiven toten Winkel, wenn es darum geht, dass Schreiben ein Handwerk ist, welches man lernen kann und Strukturarbeit einen essenziellen Teil davon bildet, der nicht verhandelbar ist.

Das ist aber noch immer nicht alles. Die Komplexität wird weiter dadurch erhöht, dass motivierte und aufstrebende AutorInnen nicht aus dem Nichts einen Roman vorlegen können. Von null auf Romanstruktur ist eine lächerlich hohe Hürde, die nur von den wenigsten gestemmt werden kann. Wenn jemand also seinen ersten Text veröffentlichen will, ist er gezwungen, mit kürzeren Formaten zu beginnen. Die dazu etablierten Wege führen immer in die Anthologie-Ausschreibungen von Kurzgeschichten.

In einem Anflug von Ironie ist die Kurzgeschichte jedoch im Vergleich zum Roman ein noch deutlich schwerer zu beherrschendes Genre.

Kein Wunder also, dass am Ende im Verlag nur so wenige, brauchbare Texte ankommen.

Diese Gedanken begleiten mich schon, seit ich selbst begonnen habe zu publizieren und damals dachte ich schon: Wenn ich mal groß bin, würde ich das gern als Seminar unterrichten.

Dank meines wundervollen Freundes, dem legendären Dozenten für Germanistik an der Universität Bochum, Dr. Markus Tillmann, habe ich diese Chance nun bekommen.

Die Beiträge auf diesem Blog dienen dazu, die Seminarinhalte zusammenzufassen und ggf. zu vertiefen, wenn dies aufgrund der knappen Zeit nicht möglich war.